Thursday, September 19, 2013

Eingebettete deutsche Alpa-Journalisten übernehmen Techniken der Kriegspropaganda meint Medienwissenschaftler Krüger

german-foreign-policy.com

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http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58688

*Elitejournalisten*16.09.2013

LEIPZIG (Eigener Bericht) - Ein Wissenschaftler der Universität Leipzig
wirft deutschen Spitzenjournalisten die Übernahme von Techniken und
Begriffen der Kriegspropaganda vor. Laut Uwe Krüger vom Institut für
Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung der sächsischen
Hochschule spielt "Frieden als Wert an sich" in führenden deutschen
Printmedien "keine Rolle". Vielmehr erachteten die dort beschäftigten
Redakteure und Ressortchefs den "Einsatz und Verlust von Menschenleben"
als "hinnehmbar und sogar geboten". Insgesamt herrsche eine "starke
Identifikation mit dem Westen" und seinen militärpolitischen
Organisationen vor, die dazu führe, dass Gegner als "Barbaren"
erschienen, denen mit "kalter Entschlossenheit" begegnet werden müsse.
Entsprechende Überzeugungen sollen Krüger zufolge durch
"gebetsmühlenartige" Wiederholungen und die Anwendung "argumentativer
Tricks" in der Bevölkerung verankert werden. Hintergrund ist nach
Auffassung des Wissenschaftlers die "Einbettung" der Autoren in
Netzwerke des "transatlantischen Elitenmilieus".

In wichtigen Fragen geeint

In seiner unlängst unter dem Titel "Meinungsmacht" erschienenen
Doktorarbeit befasst sich Uwe Krüger vom Institut für Praktische
Journalismus- und Kommunikationsforschung der Universität Leipzig mit
dem "Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten".[1]
Untersucht wird die Berichterstattung führender deutscher Zeitungen über
die Themen "Sicherheit, Verteidigung und Auslandseinsätze der
Bundeswehr". Dabei lässt sich der Wissenschaftler nach eigenem Bekunden
von der Annahme leiten, "dass eine konsensuell geeinte Elite in
wichtigen Fragen (Krieg und Frieden, makroökonomische Ordnung) gegen die
Interessen eines Großteils der Bevölkerung regieren kann und dass
journalistische Eliten zu stark in das Elitenmilieu eingebunden sein
könnten, um noch als Anwälte des öffentlichen Interesses
kritisch-kontrollierend zu wirken". Diese Hypothese wird vollauf
bestätigt: Wie Krüger nachweist, entspricht das von deutschen
Spitzenjournalisten entworfene "Bild von Bedrohungen und Konflikten"
nahezu exakt demjenigen offizieller militärpolitischer Doktrinen;
vermittelt wird es unter Zuhilfenahme von "Propagandatechniken".

NATO-Milieu

Im Zentrum der Analyse des Leipziger Kommunikationswissenschaftlers
stehen vier bei deutschen "Leitmedien" beschäftigte "Elitejournalisten":
der für Außenpolitik verantwortliche Redakteur der "Frankfurter
Allgemeinen Zeitung" (FAZ), Klaus-Dieter Frankenberger, der
Mitherausgeber des Wochenblattes "Die Zeit", Josef Joffe, der
Ressortleiter Außenpolitik der "Süddeutschen Zeitung" (SZ), Stefan
Kornelius, und der Chefkorrespondent der "Welt", Michael Stürmer. Wie
Krüger mittels einer "Netzwerkanalyse" ermittelt hat, verfügen alle vier
über "ausgeprägte Ego-Netzwerke im transatlantischen Elitenmilieu". So
unterhalten sie etwa enge Verbindungen zur Deutschen Gesellschaft für
Auswärtige Politik (DGAP), einem Think-Tank politischer und
militärischer Führungszirkel. Kornelius und Frankenberger gehören
darüber hinaus dem Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik
(BAKS) an. Die staatliche Einrichtung ist dem Verteidigungsministerium
zugeordnet und bezeichnet sich selbst als "höchstrangige,
ressortübergreifende Weiterbildungsstätte" auf dem Gebiet der
Militärpolitik (german-foreign-policy.com berichtete [2]). Laut Krüger
bleibt die "Einbettung" der Journalisten in die besagten
"Elitennetzwerke" nicht ohne Einfluss auf ihre Berichterstattung; diese
spiegelt vielmehr "im US- und NATO-geprägten Milieu" vertretene
Auffassungen wider.

Der Westen und die Barbaren

Den Nachweis hierfür erbringt der Leipziger Forscher durch eine
ausführliche Inhaltsanalyse der von Frankenberger, Joffe, Kornelius und
Stürmer verfassten Artikel über militärpolitische Themen. Alle vier, so
sein Befund, huldigen dem von Bundesregierung und NATO verfochtenen
"erweiterten Sicherheitsbegriff", der nicht mehr die Abwehr
militärischer Angriffe auf das eigene Territorium meint, sondern einen
ganzen "Bedrohungskatalog" umfasst. Analog zu seinen Kollegen fordert
etwa Stürmer eine "in Reichweite, Technik und Führung weit gespannte
Vorfeldverteidigung" gegen eine "Bedrohung durch Terror und
Massenvernichtungswaffen, Cyberwar und organisiertes Verbrechen,
Klimawandel und Völkerwanderungen". Alle vier Journalisten sind sich
laut Krüger zudem darin einig, dass die Bundesregierung gehalten ist,
"den Bürgern die Notwendigkeit des Militäreinsatzes in Afghanistan zu
vermitteln": Während Frankenberger offen einem entsprechenden
"Meinungskampf an der Heimatfront" das Wort redet, verlangt Stürmer ein
offizielles Bekenntnis zu einem "kraftvolle(n) Krisenmanagement", das
sich nicht scheut, "ins militärische Fach zu greifen". Insgesamt
attestiert Krüger den vier Publizisten, dass "Frieden als Wert an sich"
in ihren Artikeln "keine Rolle" spielt und auch die dahingehenden
Aussagen des Grundgesetzes und des Völkerrechts bei ihnen "keine
Resonanz" finden. Der "Einsatz und Verlust von Menschenleben" erscheine
folgerichtig als "hinnehmbar und sogar geboten". Teilweise geht die
"Identifikation mit dem Westen" laut Krüger so weit, dass Gegner
kurzerhand als "Barbaren" diffamiert werden (Stürmer), denen man nur mit
"kalter Entschlossenheit" begegnen könne (Frankenberger).

Ignoriert und marginalisiert

Ausgehend von diesem Befund untersucht der Leipziger
Kommunikationsforscher abschließend, ob auch "Leitmedien im Ganzen (...)
dazu neigen, lediglich den Elitendiskurs abzubilden und abweichende
Argumente und Sichtweisen zu ignorieren oder zu delegitimieren". Die
Datenbasis hierfür liefert ihm die Berichterstattung über die
alljährlich stattfindende "Münchener Sicherheitskonferenz" (MSC), bei
der vorrangig aus NATO-Staaten stammende Militärs, Politiker und
Rüstungsindustrielle zusammenkommen (german-foreign-policy.com
berichtete [3]). Sein Fazit fällt eindeutig aus: "Die 'Welt', die FAZ
und die SZ bildeten den Diskurs auf der MSC umfangreich ab und
bewerteten die Institution MSC durchweg neutral bis positiv, während sie
(...) Proteste ignorierten (FAZ), marginalisierten ('Welt') oder als
reines Lokalphänomen behandelten (SZ) und dabei teilweise stark negativ
bewerteten." Das Ergebnis verwundert insofern nicht, als die vier
"Elitejournalisten" Frankenberger, Joffe, Kornelius und Stürmer zu den
regelmäßigen Teilnehmern der Münchener Tagung zählen. Die "Süddeutsche
Zeitung" veröffentlicht darüber hinaus jedes Jahr eine sechsseitige
Sonderbeilage zur MSC - laut Außenpolitik-Ressortleiter Kornelius eine
"gedruckte Sicherheitskonferenz".

Bitte lesen Sie auch unsere Rezension zu Uwe Krügers Band
"Meinungsmacht" <http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58687>.

[1] s. hierzu und im Folgenden: Uwe Krüger: Meinungsmacht. Der Einfluss
von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten - eine kritische
Netzwerkanalyse. Reihe des Instituts für Praktische Journalismus- und
Kommunikationsforschung 9, Köln 2013
[2] s. dazu Führungsmacht Deutschland
<http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58630>
[3] s. dazu Die Geopolitik der Energie
<http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58525>, Fest
integriert <http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58256>, Auf
dem Radarschirm der Weltpolitik
<http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58250> und Munich
Young Leaders <http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57729>


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