Tuesday, January 12, 2016

Putin-Interview Bildzeitung – Teil 1 http://www.russland.ru/putin-interview-bildzeitung/

putin-diekmann
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Frage: Sehr geehrter Herr Präsident, wir haben gerade den 25. Jahrestag des Endes des Kalten Krieges gehabt. Und im vergangenen Jahr hat es sehr viele Kriege und Krisen gegeben, wie lange nicht mehr. Was haben wir falsch gemacht?
Putin: Sie haben sofort mit der Schlüsselfrage begonnen. Wir haben alles falsch gemacht, von Beginn an. Wir haben die Spaltung Europas nicht überwunden. Vor 25 Jahren ist zwar die Berliner Mauer gefallen, aber die Spaltung Europas wurde nicht überwunden. Die unsichtbaren Wände wurden einfach weiter nach Osten verschoben. Schon damals wurden die Vorbedingungen für die zukünftigen gegenseitigen Vorwürfe, für das Unverständnis und die Krisen gelegt. Viele kritisieren mich – auch aus der Bundesrepublik – wegen meiner bekannten Aktion in München auf der Sicherheitskonferenz. Und was habe ich Ungewöhnliches denn gesagt?
Nachdem die Berliner Mauer gefallen war, gab es Gespräche mit der NATO, die bestätigte, dass sich die NATO nicht weiter nach Osten ausdehnen werde. Wenn ich mich richtig erinnere, war der damalige NATO-Generalsekretär Herr Wörner, der das bestätigte, ein Deutscher. Übrigens haben einige deutsche Politiker davor gewarnt und Lösungen vorgeschlagen, wie zum Beispiel Egon Bahr.
Wissen Sie, vor einem Gespräch mit deutschen Journalisten habe ich mir schon gedacht, dass die Rede auf diesen Punkt kommen wird. Deshalb habe ich mir aus dem Archiv Aufzeichnungen von Gesprächen zwischen den sowjetischen Führern und einigen deutschen Politikern – darunter Egon Bahr – vom Jahr 1990 mitgenommen. Sie haben sie bisher nicht veröffentlicht.
Frage: Sind das Interviews?
Putin: Nein das sind Arbeitsgespräche zwischen den deutschen Politikern Genscher, Kohl und Bahr und der sowjetischen Führung Herrn Gorbatschow und Herrn Falin, der damals an der Spitze der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei stand. Sie sind noch nie veröffentlicht worden. Sie und Ihre Leser werden die Ersten sein, die diese Reden von 1990 zu lesen bekommen. Sehen Sie, was Egon Bahr sagt: „Wenn wir bei der Vereinigung von Deutschland nicht die entscheidenden Schritte zur Überwindung der Spaltung Europas und der feindseligen Blöcke machen, wird die Entwicklung einen sehr ungünstigen Verlauf nehmen, sie wird die UdSSR zur internationalen Isolation verdammen. Das hat er am 26. Juni 1990 gesagt.
Herr Bahr machte konkrete Vorschläge. Er sprach von der Notwendigkeit, eine neue Allianz im Zentrum Europas zu schaffen. Europa sollte nicht in die NATO gehen, sondern unter Beteiligung Ostdeutschlands – oder ohne – eine separate Partnerschaft unter Beteiligung der USA und der Sowjetunion bilden. Die NATO als Organisation, aber zumindest seine militärischen Strukturen, dürfen nicht nach Mitteleuropa ausgeweitet werden. Zu dieser Zeit war er schon ein Patriarch der europäischen Politik, der seine eigene Vision von der Zukunft Europas hatte. Und zu seinen sowjetischen Kollegen sagte er: „Wenn Sie – und damit die Sowjetunion – damit nicht einverstanden, sondern im Gegenteil mit einer Erweiterung der NATO einverstanden sind, werde ich nie mehr nach Moskau kommen. Sie sehen, er war ein sehr kluger Mensch. Er war zutiefst davon überzeugt, dass man das Format radikal verändern muss, um den Kalten Krieg zu beenden. Aber wir haben nichts getan.
Frage: Ist er dann noch nach Moskau gekommen?
Putin: Ich weiß es nicht. Es war das Gespräch am 27. Februar 1990. Es ist die Aufzeichnung des Gesprächs zwischen Herrn Falin seitens der Sowjetunion und auf deutscher Seite Herr Bahr und Herr Voigt.
Und was ist in der Realität geschehen? Es ist genau das geschehen, wovor Herr Bahr gewarnt hat. Er hat vor der Ausweitung der militärischen NATO-Strukturen nach Osten gewarnt. Er hat angemahnt, dass gemeinsam etwas geschaffen wird, das Europa vereint. Nichts dergleichen ist geschehen, das genaue Gegenteil, vor dem er gewarnt hat, ist geschehen. Die NATO setzte sich in Richtung Osten in Bewegung und hat sich erweitert.
Tausende Male haben wir das Mantra der amerikanischen und europäischen Politiker gehört „Jedes Land hat das Recht seine eigenen Sicherheitsvorkehrungen zu wählen.“ Ja, das ist wahr und das wissen wir. Aber genau so wahr ist, dass andere Länder das Recht haben, zu entscheiden, ob sie ihre Organisation erweitern oder nicht, und wie sie in Bezug auf ihre eigene globale Sicherheit handeln. Und die führenden Mitglieder der NATO hätten sagen können: „Wir freuen uns, dass Sie sich uns anschließen wollen, aber wir wollen unsere Organisation nicht erweitern, weil wir die Zukunft Europas anders sehen.“
In den letzten 20 bis 25 Jahren, vor allem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als der zweite Pol der Macht verschwand, gab es nur den einen Wunsch, allein an der Spitze der Welt Ruhm, Macht und Wohlstand zu genießen. Und es gab nicht den geringsten Wunsch, nach dem Völkerrecht oder der Charta der Vereinten Nationen zu handeln. Dort wo diese zu einem Hindernis wurden, wurde einfach erklärt, die UN sei veraltet.
Neben der Erweiterung der NATO nach Osten ist unter dem Deckmantel der Sicherheit gegen eine atomare Bedrohung durch den Iran ein Raketenabwehrsystem entstanden.
Im Jahr 2009 hat der amtierende Präsident der USA Barak Obama gesagt, dass wenn es keine nukleare Bedrohung durch den Iran mehr gäbe, es auch keinen Grund für die Installierung eines ABM-Systems mehr gäbe. Die Vereinbarung mit dem Iran ist unterschrieben, die Aufhebung der Sanktionen (gegen den Iran) wird in Angriff genommen, alles ist unter der Kontrolle der IAEA, die ersten Lieferungen von Uran werden bereits zur Verarbeitung auf russisches Territorium gebracht, aber das ABM-System wird weiterentwickelt. Bilaterale Abkommen mit der Türkei, Rumänien, Polen und Spanien sind unterzeichnet worden. Die Seestreitkräfte, die einen Teil des ABM-Systems bilden sind vor Spanien im Einsatz. Ein Stützpunkt ist bereits in Rumänien geschaffen und ein zweiter soll in Polen bis zum Jahr 2018 geschaffen werden. Eine Radar-Überwachungsstation wird in der Türkei installiert.
Wir sprachen uns vehement gegen das aus, was im Irak, in Libyen und einigen anderen Ländern geschah. Wir sagten, das darf man nicht machen. „Machen Sie diesen Fehler nicht!“ Sie dachten, wir handelten aus einer anti-westlichen Haltung heraus, aus einer feindseligen Haltung gegenüber dem Westen. Und nun, wenn man die Hunderttausende, ja eine Million Flüchtlinge sieht, was glauben Sie? War unsere Haltung anti- oder pro-westlich?
Frage: Wie ich verstanden habe, haben Sie die Fehler, die der Westen gegenüber Ihrem Land gemacht hat, aufgezählt. Was glauben Sie: Hat Russland in den vergangenen 25 Jahren ebenfalls Fehler gemacht?
Putin: Ja wir haben versäumt, unsere nationalen Interessen zu vertreten. Hätten wir das von Anfang an gemacht, wäre die heutige Welt ausgeglichener.
Frage: Was Sie gerade gesagt haben, bedeutet das, dass seit 1990/91, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, in all den Jahren Russland versäumt hat, seine nationalen Interessen klar zu vertreten?
Putin: Absolut.
Frage: Wir wissen, dass Sie gegenüber Deutschland eine Besondere Haltung einnehmen. Vor 10 Jahren, anlässlich des 60- Jahresstages des Endes des Zweiten Weltkrieges sagten Sie „Russland und Deutschland waren noch nie so nahe beieinander wie jetzt.“
Was glauben Sie, was ist heute von dieser Nähe geblieben?
Putin: Unsere Beziehungen basieren vor allen Dingen auf der Anziehungskraft zwischen unseren Völkern.
Frage: Also hat sich in dieser Beziehung nichts geändert?
Putin: Ich denke nein. Trotz aller Versuche, die Sie und Ihre Kollegen unternommen haben, mit Mitteln der Massenmedien und anti-russischer Rhetorik die Beziehungen zu verschlechtern, ist es Ihnen zumindest nicht in dem von Ihnen gewünschten Ausmaß gelungen. Ich meine damit natürlich nicht Sie persönlich. Ich meine die Medien im Allgemeinen einschließlich der deutschen. In Deutschland sind die Medien unter starkem ausländischem Einfluss, insbesondere von der anderen Seite des Atlantiks.
Sie sagten, ich habe alle Fehler des Westens zusammengezählt: Davon bin ich weit entfernt, ich habe nur ein Paar der wichtigsten genannt. Nachdem die Sowjetunion zusammengebrochen war, sind in Russland auch einige schädliche Prozesse entstanden. Da sind einmal der Rückgang der Industrieproduktion, der Zusammenbruch des sozialen Systems, der Separatismus und ein sehr deutliches Anwachsen des Terrorismus.
Natürlich sind wir selbst verantwortlich und wir können niemandem die Schuld dafür geben. Zur gleichen Zeit wurde für uns offensichtlich, dass der internationale Terrorismus auch als Kampfmittel gegen Russland eingesetzt wurde, und niemand achtete darauf, im Gegenteil, die staatsfeindlichen Kräfte in Russland wurden politisch, informativ und finanziell unterstützt – und es wurde offensichtliche Tatsache manchmal sogar mit Ausrüstung. In diesem Augenblick erkannten wir, dass Diskussionen und geopolitische Interessen zwei völlig verschiedene Dinge sind.
Um auf die russisch-deutschen Beziehungen zu kommen, sie erreichten in der Tat im Jahr 2005 ein ausgezeichnetes Niveau und hätten sich erfolgreich weiterentwickelt. Der Handelsumsatz unserer beiden Völker wuchs auf über 80 Milliarden USD.
In Deutschland wurden dank der russisch-deutschen Zusammenarbeit viele Arbeitsplätze geschaffen. Und wir haben gemeinsam versucht, negative Entwicklungen im Nahen Osten, insbesondere im Irak zu verhindern.
Wir haben wichtige Schritte zur Förderung unserer Zusammenarbeit im Energiebereich unternommen, viele deutsche Unternehmen eröffneten Geschäfte in Russland und Tausende Unternehmer ließen sich in Russland nieder. Der Austausch zwischen unseren Bürgern wurde ausgebaut und die humanitären Kontakte wurden entwickelt. Der Petersburger Dialog wurde als öffentliches Forum auch in dieser Zeit gegründet.
Wie ich schon gesagt habe lag unser Handelsumsatz bei 80 bis 83 Milliarden USD, bis Anfang des Jahres 2015 war er um die Hälfte gesunken und ich glaube Ende des Jahres liegt er bei 40 Milliarden USD, das sind 50 % von dem, was einmal war. Dennoch halten wir unsere Beziehungen bei und die Bundeskanzlerin und ich treffen uns regelmäßig bei verschiedenen Anlässen. Im Jahr 2015 traf ich sie, glaube ich, sieben Mal und hatte 20 Telefongespräche mit ihr. Wir haben noch immer die gegenseitigen Jahre der russischen Sprache und Literatur in Deutschland und die Jahre der deutschen Sprache und Literatur in Russland. Und dieses Jahr wird das Jahr des Jugendaustausches sein. Unsere Beziehungen entwickeln sich, Gott sei Dank, und ich hoffe, sie werden sich weiter entwickeln. Wir werden die heutigen Schw9erigkeiten überwinden.
Frage: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, hätte die NATO den osteuropäischen Staaten sagen sollen, dass sie sie nicht aufnimmt. Glauben Sie, dass die NATO das überlebt hätte?
Putin: Sicher.
Frage: Dieses wurde aber doch in der NATO-Charta festgelegt.
Putin: Die Charta ist von den Menschen geschrieben, ist es nicht so? Besagt die Charta, dass die NATO verpflichtet ist, jeden, der gerne mitmachen will, aufzunehmen? Nein. Es sind bestimmte Kriterien und Bedingungen nötig. Wenn es den politischen Willen gegeben hätte, wenn sie gewollt hätten, hätten sie genau so handeln können. Sie wollten einfach nicht, sie wollten herrschen. Sie haben sich auf diesen Thron gesetzt. Und was weiter? Jetzt besprechen wir eine Krisensituation.
Wären sie dem Rat, den der weise Deutsche Egon Bahr ihnen gegeben hatte, gefolgt, hätten sie etwas Neues, das Europa vereint und Krisen verhindert, geschaffen. Die Situation wäre eine andere und es hätte mehrere Möglichkeiten gegeben. Vielleicht wären sie auch nicht so akut geworden.
Frage: Es gibt eine Theorie, nach der es zwei Herr Putin gibt: den ersten jungen Herrn Putin, der mit den USA Solidarität zeigte und der der Freund von Herrn Schröder war, und dann nach 2007 kam ein anderer Herr Putin. Bereits im Jahr 2000 sagten Sie „Wir sollten in Europa keine Auseinandersetzungen haben, wir sollten alles tun, um sie zu überwinden“ und jetzt befinden wir uns in einer solchen Konfrontation.
Darf ich Ihnen eine ganz einfache Frage stellen? Was wäre, wenn wir den ersten Herrn Putin zurückbekämen?
Putin: Ich habe mich nicht geändert. Erstens, ich fühle mich auch heute jung. Ich war und werde auch weiterhin Herr Schröders Freund sein. Nichts hat sich geändert.
Meine Einstellung zu Themen wie die Bekämpfung des Terrorismus hat sich nicht geändert. Es ist richtig, dass ich der Erste war, der Präsident Bush angerufen hat, um seine Solidarität auszudrücken. Wir waren bereit, den Terrorismus gemeinsam zu bekämpfen. Erst vor kurzem, nach den Terroranschlägen in Paris, telefonierte ich mit dem Präsidenten von Frankreich und traf ihn dann auch.
Wenn man auf Gerhard Schröder, Jacques Chirac oder auf mich gehört hätte, hätte es vielleicht die jüngsten Terroranschläge in Paris nicht gegeben und der Terrorismus im Irak, in Libyen und anderen Ländern in Nahost hätte nicht zugenommen.
Wir sind mit einer gemeinsamen Bedrohung konfrontiert und wir wollen, dass alle Länder sowohl in Europa als auch in der ganzen Welt ihre Bemühungen im Kampf gegen diese Bedrohungen vereinen, danach streben wir. Und damit meine ich nicht nur den Terrorismus, sondern auch die Kriminalität, Menschenhandel, Umweltschutz und viele andere gemeinsame Herausforderungen. Das bedeutet aber nicht, dass wir mit allem, was andere in dieser oder jener Angelegenheit entscheiden, einverstanden sind. Wenn außerdem jemand mit unseren Handlungen nicht einverstanden ist, gibt es eine bessere Möglichkeit, als uns jedes Mal zum Feind zu erklären. Wäre es nicht besser, uns zuzuhören und unsere Meinung kritisch zu reflektieren, um etwas zu vereinbaren und nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen? Das war es, was ich zur 70-Jahr-Feier der UN in New York sagte.
Frage: Ich möchte den Blick auf folgende Frage richten: Der Kampf gegen den islamistischen Terror ist eine derartig starke Bedrohung, dass er Russland und den Westen im Kampf wieder zusammenbringen sollte. Aber das Problem ist die Krim. Ist es die Krim wirklich wert die Zusammenarbeit mit dem Westen aufs Spiel zu setzen?
Putin: Was meinen Sie damit, wenn Sie Krim sagen?
Frage: Gezeichnete Grenzen.
Putin: Und ich meine Menschen – 2,5 Millionen. Das sind Menschen, die durch den Putsch erschreckt wurden. Sagen wir es gerade heraus: sie sind durch den Staatsstreich verängstigt worden. Und nach dem Putsch in Kiew – und es war nichts anderes als ein Staatsstreich egal was die extrem nationalistischen Kräfte, die Kräfte, die jetzt an die Macht kamen und auch dort blieben, zu suggerieren versuchen – sind diese Menschen offen bedroht worden. Offen bedroht wurden sowohl russische als auch russischsprachige Menschen in der Ukraine allgemein und auf der Krim besonders, weil dort der Anteil russischer und russischsprachiger Menschen größer ist, als in den anderen Teilen der Ukraine.
Was war unsere Reaktion? Wir haben keinen Krieg geführt, wir haben nichts besetzt; es wurde nicht geschossen, niemand wurde bei den Ereignissen auf der Krim getötet. Nicht eine einzige Person! Wir benutzten die Streitkräfte nur, um die auf der Krim stationierten 20.000 ukrainischen Militärangehörigen daran zu hindern, sich in die freie Willensäußerung der dortigen Menschen einzumischen. Die Menschen sind zum Referendum gekommen und haben sich entschieden, ein Teil Russlands zu sein.
Die Frage ist, was ist Demokratie? Demokratie ist der Wille des Volkes, die Menschen haben abgestimmt, wie sie leben wollen. Für mich ist nicht das Land und seine Grenzen wichtig, sondern das Schicksal der Menschen.
Frage: Aber Grenzen sind ein Bestandteil der europäischen politischen Ordnung. Sie haben vorhin gesagt, das sei sehr wichtig, auch im Zusammenhang mit der NATO-Erweiterung.
Putin: Es ist wichtig, immer das Völkerrecht einhalten. Auf der Krim, es gab keine Verletzung des Völkerrechts. Laut Charta der Vereinten Nationen, hat jedes Volk das Recht auf Selbstbestimmung. In Bezug auf das Kosovo, entschied der Internationale Gerichtshof der Vereinten Nationen, dass, wenn es um die Souveränität geht, die Stellungnahme der Zentralregierung ignoriert werden kann. Wenn Sie eine ernsthafter Zeitschrift sind, die ehrlich zu seinen Lesern ist, finden Sie das Transkript der Erklärung der deutschen Vertreter im Internationalen Gerichtshof in den Archiven und veröffentlichen Sie es. Nehmen Sie den Brief – ich glaube, er wurde vom US-Außenministerium oder als Erklärung des britischen Vertreters geschrieben. Finden Sie ihn und lesen sie ihn. Kosovo erklärt seine Unabhängigkeit, und die ganze Welt akzeptiert. Wissen Sie, was wirklich passiert ist?
Frage: Nach dem Krieg?
Putin: Nein. Die Unabhängigkeitserklärung wurde durch die Entscheidung des Parlaments getroffen. Es hat kein Referendum gegeben.
Was geschah auf der Krim? Erstens, das Krim-Parlament wurde im Jahr 2010, als die Krim noch Teil der Ukraine war, gewählt. Diese Tatsache, die ich hier bespreche, ist extrem wichtig. Dieses Parlament, das gewählt wurde, als die Krim noch Teil der Ukraine war, hat für die Unabhängigkeit gestimmt und ein Referendum angesetzt. Dann stimmten die Bürgerinnen und Bürger für die Wiedervereinigung mit Russland.
Und wie Sie ganz richtig gesagt haben, kamen die entsprechenden Ereignisse im Kosovo erst nach mehreren Jahren Krieg und der De-Facto-Intervention der NATO-Staaten, nach der Bombardierung Jugoslawiens und den Raketenangriffen auf Belgrad in Gang.
Nun möchte ich Ihnen die Frage stellen: Wenn die Kosovaren im Kosovo das Recht auf Selbstbestimmung haben, warum haben die Bewohner der Krim nicht dasselbe Recht? Wenn wir die Beziehungen zwischen Russland und unseren Freunden und Nachbarn positiv und konstruktiv entwickeln wollen, muss zumindest eine Bedingung eingehalten werden: Wir müssen, um einander zu respektieren die Interessen der anderen respektieren und an bestimmten Regeln festhalten und nicht diese jedes Mal verändern, wenn es für uns vorteilhaft erscheint.
Sie fragten mich, ob ich ein Freund bin oder nicht. Die Beziehungen zwischen den Staaten sind ein bisschen anders als zwischen den Menschen. Ich bin kein Freund, keine Braut und kein Bräutigam. Ich bin der Präsident der Russischen Föderation. Das ist ein 146-Millionen-Volk. Diese Menschen haben ihre eigenen Interessen und ich muss diese Interessen schützen. Wir sind bereit dies auf eine nicht-konfrontative Art und Weise zu tun, um nach einem Kompromiss zu suchen, natürlich auf der Basis des Völkerrechts, das von allen in derselben Weise verstanden werden muss.
Frage: Wenn, wie Sie sagen, es auf der Krim keine Verletzung des Völkerrechts gegeben hat, wie wollen Sie Ihrem Volk die Schritte des Westens und die Sanktionen, initiiert von Frau Merkel und dass das russische Volk leiden muss, erklären?
Putin: Wissen Sie das russische Volk fühlt in seinem Herzen und versteht mit seinem Verstand sehr gut, was hier geschieht. Napoleon sagte einmal, dass die Gerechtigkeit die Verkörperung Gottes auf Erden sei. In diesem Sinn ist die Wiedervereinigung der Krim mit Russland eine gerechte Entscheidung.
Was die Reaktion unserer westlichen Partner betrifft, so glaube ich, dass sie falsch war und nicht der Unterstützung der Ukraine diente, sondern der Beschränkung russischen Wachstums. Ich glaube, dass man so etwas nicht machen sollte und dass es ein Kardinalfehler ist, denn wir müssen ganz im Gegenteil gemeinsames Wachstum nutzen, um Probleme gemeinsam anzugehen.
Sie haben die Sanktionen erwähnt. In meinen Augen war das eine dumme Entscheidung und eine schädliche noch dazu. Ich habe gesagt, dass sich der Umsatz mit Deutschland auf 83 bis 84 Milliarden USD belief und als Ergebnis dieser Zusammenarbeit Tausende von Arbeitsplätzen in Deutschland geschaffen wurden. Und welches sind die Beschränkungen, die wir dafür bekommen haben? Dis ist nicht das Schlimmste, was wir durchmachen, aber für unsere Wirtschaft ist es auf jeden Fall schädlich und es wirkt sich auf unseren Zugang zu den Finanzmärkten aus.
Die schlimmsten Schäden für unsere Wirtschaft heute, sind die, die durch die sinkenden Preise für unsere Exportgüter verursacht werden. Die sinkenden Preise haben aber auch positiver Aspekte. Wenn die Ölpreise hoch sind, fällt es uns schwer, zu widerstehen, die laufenden Ausgaben mit den Öleinnahmen zu decken. Ich glaube, dass unser Nicht-Öl- und Gasdefizit ein gefährliches Niveau erreicht hatte. Und jetzt sind wir gezwungen, es zu senken. Und das ist gesund.
Frage: Das Haushalts-Defizit?
Putin: Wir teilen. Wir haben ein allgemeines Defizit, und es gibt die Nicht-Erdöl- und Erdgaseinkünfte. Es gibt Einkünfte, die wir vom Erdöl und dem Gas bekommen, und wir teilen auch das ganze Übrige.
Das Gesamtdefizit ist gering. Und wenn wir das Nicht Erdöl- und -Erdgas abziehen, dann ist es beim Erdöl und Erdgas viel zu groß. Um es zu verringern, steckt solches Land, wie Norwegen, einen bedeutenden Teil der Nicht-Erdöl- und -Erdgaseinkünfte in die Reserven. Es ist sehr schwierig, an sich zu halten, um, ich wiederhole es noch einmal, auch die Einkünfte vom Erdöl und Erdgas nicht für die laufenden Ausgaben zu verbrauchen. Die Senkung gerade dieser Kosten heilt die Wirtschaft. Das ist das erste.
Das Zweite: Für die Öldollars kann man alles kaufen. Und wenn der Erlösn daraus hoch ist, dann kommt es zur Destimulierung der eigenen Entwicklung, besonders in den Hochtechnologiezweigen. Bei uns wird derzeit ein Rückgang des BIP um 3,8 Prozent, der Industrieproduktion um 3,3 Prozent registriert, die Inflation stieg auf 12,7 Prozent. Das ist viel, aber dabei bleibt bei uns die positive Außenhandelsbilanz erhalten, und zum ersten Mal seit vielen Jahren ist der Umfang unseres Exports von Erzeugnissen mit hohem Mehrwert deutlich gewachsen. Das ist ein überaus positiver Prozess in der Wirtschaft.
Wir haben uns ein hohes Niveau an Reserven erhalten, die Zentralbank verfügt über etwa 340 Milliarden Goldwährungsreserven, ich kann mich jetzt irren, aber von 300 Milliarden. Außerdem gibt noch zwei Reserve-Fonds der Regierung von jeweils 70, 80 Milliarden Dollar, der eine ‒ 70, der andere ‒ 80. Wir meinen, dass wir trotz allem allmählich zu einer Stabilisierung und den Aufschwung der Wirtschaft kommen werden. Wir haben einen ganzen Komplex von Programmen angenommen, darunter zur so genannten Importablösung, und gerade das ist eine Investition in die Hochtechnologien.
Frage: Sie haben oft die Fragen der Sanktionen und der Krim mit der Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel besprochen. Verstehen Sie sie? Vertrauen Sie ihr?
Putin: Ja, ich bin überzeugt, dass sie ein sehr aufrichtiger Mensch ist. Sie hat bestimmte Rahmen, in denen sie arbeiten muss, aber sie ist aufrichtig, und ich zweifle nicht daran, sie sucht zielstrebig nach Lösungen zur Regelung, einschließlich der Situation im Südosten der Ukraine.
Sie sprachen von den Sanktionen. Alle sagen, dass man die Minsker Abkommen unbedingt erfüllen müsse, dann könne man auch die Frage der Sanktionen überprüfen. Glauben Sie mir, das wird jetzt zum absurden Theaters, weil das Wesentliche, was zur Erfüllung der Minsker Abkommen getan werden muss, auf der Seite der heutigen Kiewer Behörden liegt . Man darf nicht von Moskau fordern, was Kiew tun muss. Zum Beispiel ist das Wichtigste im ganzen Prozess der Regelung, die Schlüsselfrage, die des politischen Charakters, und im Zentrum steht die Verfassungsreform. Das steht im Punkt 11 der Minsker Abkommen. Dort ist geschrieben, dass eine Verfassungsreform durchgeführt werden muss, wobei diese Entscheidungen nicht in Moskau getroffen werden!
Sie sehen, bei uns ist alles vermerkt: Durchführung der Verfassungsreform in der Ukraine mit dem Inkrafttreten zum Ende des Jahres 2015. So lautet Punkt 11. Das Jahr 2015 ist vergangen.
Die Frage: die Verfassungsreform sollte geklärt werden, nachdem alle Kampfhandlungen eingestellt sind. So steht es dort geschrieben?
Putin: Nein, nicht so.
Sehen Sie, ich gebe es Ihnen auf Englisch. Was steht dort? Der Punkt 9 betrifft die Wiederherstellung der vollen Kontrolle über die Staatsgrenze durch die Regierung der Ukraine auf der Grundlage des Gesetzes der Ukraine über der Verfassungsreform zum Jahresende 2015, vorbehaltlich der Umsetzung des Punktes 11, das heißt der Durchführung einer Verfassungsreform.
Das heißt: Zuerst die Verfassungsreform, die politischen Prozesse, und später auf der Basis dieser Prozesse die Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens und der Vollendung aller Prozesse, einschließlich der Schließung der Grenze. Unsere europäischen Partner ‒ sowohl die Bundeskanzlerin, als auch der französische Präsident ‒ sollten, scheint mir, tiefer in diese Probleme eindringen.
Frage: Sie denken, das ist nicht so?
Putin: Ich denke, sie haben viele Probleme. Aber wenn wir uns dennoch damit beschäftigen, dann muss man in sie eindringen. Zum Beispiel, steht hier geschrieben, dass die Veränderungen in der Verfassung dauerhaft, eine ständigen Grundlage sein sollen. Die Regierung der Ukraine hat vorübergehende Aussagen eingefügt, implementierte dort das Gesetz über den besonderen Status dieser Territorien, das früher angenommen worden war. Aber dieses Gesetz, das sie in die Verfassung aufgenommen haben, war gerade einmal für drei Jahre bestätigt. Zwei Jahre sind schon vorbei. Als wir uns in Paris trafen, stimmten sowohl die Bundeskanzlerin , als auch der französische Präsident zu, dass diesem Gesetz ein anderer Charakter gegeben werden sollte, und es sollte für ständig aufgenommen werden. Sowohl der französische Präsident, als auch die Kanzlerin haben das bestätigt. So war diese Verfassung sogar in jener Form nicht nicht zur Abstimmung gekommen, in der sie jetzt vorliegt, und das Gesetz erhielt keinen ständigen Status. Wie kann man von Moskau fordern, was unsere Kollegen in Kiew entscheiden müssen?
Frage: Wie ist jetzt Ihr Verhältnis zur Frau Bundeskanzlerin? Sie haben seinerzeit gesagt, dass sich für ihre vielen Qualitäten begeisterten. Wie verhält sich die Sache jetzt ?
Putin: Wann habe ich das gesagt?
Frage: Das heißt respektieren Sie sie?
Putin: Ich stehe auch jetzt so zu ihr. Ich habe schon gesagt, dass sie ein sehr aufrichtiger Mensch ist, sehr professionell. Jedenfalls ist das Niveau des Vertrauens, scheint mir, sehr hoch.
Frage: Ich werde jetzt eine sehr persönliche Frage stellen. Als im Januar 2007 die Frau Bundeskanzlerin Sie in Sotschi besuchte, wussten Sie damals, dass sie sich vor Hunden fürchtet?
Putin: Nein, natürlich nicht. Ich wusste davon nichts. Ich wollte ihr im Gegenteil etwas Gutes tun, als ich ihr den Hund zeigte. Ich habe das mit ihr später geklärt und mich dafür entschuldigt.
http://www.russland.ru/putin-interview-bildzeitung/

Putin interviewed by German tabloid BILD

Putin to Bild: "Crimeans Wanted to Be Part of Russia"

News | 12.01.2016 | 13:03
RT, fortruss - Russian President Vladimir Putin commented on the Crimean reunification with Russia during an interview with journalists from the German 'Bild' newspaper in Sochi, Tuesday.
Vladimir Putin, Russian President (Russian): "What do you mean when you say 'Crimea'?
Journalist (German): Changed borders.
Vladimir Putin, Russian President (Russian): "But I mean under this word - people, 2.5 million. Honestly speaking, these people were afraid of the coup, they were worried about the military coup d'etat in Ukraine. And after the coup in Kiev - and it was nothing but a military coup d'etat - no matter who tried to colour the truth. Those far-nationalist forces, which tried to take power, and we can say that some of them even came to power, began to threaten people openly.
To threaten Russians and Russian-speaking people living in Ukraine in general and in Crimea in particular because this region is more populated with Russians and Russian-speaking citizens than any other part of Ukraine. What have we done? We didn't carry out war, we didn't occupy anyone, there was no shooting, no one was killed during the events in Crimea. Not a single person.
We used the Armed Forces only to contain more than 20,000 Ukrainian service members stationed there from interfering with the free expression of will of the Crimean citizens. People came to the referendum and casted their votes, they wanted to be part of Russia. You asked me if I am a friend or not. The relations between states differ from those between individuals. I am not a friend, bride or groom, I am the President of the Russian Federation. 146 million people. These people have their own interests and I must protect those interests. We are ready to do it in a non-confrontational manner to look for compromises, but of course, based on international law, which must be understood uniformly by all."
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Saturday, January 9, 2016

Syrien – Ein Friedensplan, der den Verlierern erlaubt, das Gesicht zu wahren

von Thierry Meyssan
Der Wortlaut der Resolution 2254 [des Weltsicherheitsrates vom 18.12.2015] bestätigt im wesentlichen den von dem Genfer Kommuniqué, das vor drei Jahren verabschiedet wurde. Die beiden grössten militärischen Mächte der Welt erklären sich mit der Aufrechterhaltung der Arabischen Republik Syrien einverstanden, während die Imperialisten – an erster Stelle Frankreich – weiter ihren Traum verfolgen, das Regime gewaltsam zu ändern. Aber die Welt hat sich in diesen Jahren verändert, und es scheint schwierig, dieses neue Abkommen zum Scheitern zu bringen, wie man das im Jahr 2012 tat.

Die Beziehungen zwischen Washington und Moskau

Die Vereinigten Staaten und die Russische Föderation haben zum zweiten Mal miteinander eine Vereinbarung gefunden, um einen Friedensplan für Syrien zu schliessen.
  • Das erste Mal war dies während der Genfer Konferenz im Juni 2012 der Fall.1 Es ging darum, in Syrien und zugleich im gesamten Nahen Osten Frieden zu schaffen, indem die Region in Einflusszonen aufgeteilt würde.2 Diese Vereinbarung wurde jedoch sofort von US-Aussenministerin Hillary Clinton und ihrer Gruppe der «liberalen Falken» und «Neokonservativen» sabotiert. So organisierte Frankreich keine zwei Wochen später die Wiederaufnahme des Krieges,3zunächst anlässlich der Pariser Konferenz der «Freunde Syriens», dann mit der Operation «Vulkan in Damaskus und Erdbeben in Syrien».4 Zu diesem Streit kam Ende 2013 noch der Staatsstreich in der Ukraine. Die beiden Ereignisse markierten die nahezu vollständige Aussetzung der diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Moskau.
  • Die zweite Vereinbarung ist während des Besuchs von John Kerry bei Wladimir Putin im Kreml, am 15. Dezember 2015, getroffen worden.5 Diesem Treffen folgte unverzüglich die Sitzung der Hohen Kommission der syrischen Opposition und die Verabschiedung der Resolution 22536, welche die Finanzierung von al-Kaida und IS verbietet, und Resolution 22547, mit der die in Genf und Wien entwickelten Bemühungen für Syrien institutionalisiert werden. Zur allgemeinen Überraschung wählte die Hohe Kommission der Opposition den ehemaligen Baath-Premierminister Riad Hidschab – von einem saudiarabischen Stamm abstammend –, um ihre Delegation zu führen. Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, erklärte Staatssekretär Kerry im Kreml, die Stellungnahme der Vereinigten Staaten zu Präsident al-Assad stelle sich nicht gegen eine Abstimmung der Syrer, und sagte dann im Sicherheitsrat, der «­politische Prozess biete keine Wahl zwischen al-Assad und IS, sondern zwischen Krieg und Frieden».
Der Abzug der iranischen Militärberater begann kurz vor dem Gipfel im Kreml.
Russland hat sich den Bedingungen des Genfer Kommuniqués angeglichen. Sie sehen tatsächlich vor, Teile der Opposition in eine Regierung der nationalen Einheit der Arabischen Republik Syrien zu integrieren. Um zu zeigen, dass es gegen die Terroristen kämpft, nicht aber gegen politische Gegner, auch wenn sie bewaffnet sind, hat Russland mit der freien syrischen Armee (FSA) und deren Förderer Frankreich ein Abkommen getroffen. Obwohl diese Armee vor Ort nie die Bedeutung hatte, welche die atlantischen Medien ihr gegeben haben, und sie seit Ende 2013 auch nicht mehr existiert, arbeiten nunmehr 5000 Kämpfer, die aus dem Nichts aufgetaucht sind, genauso gut mit der russischen Armee wie auch mit der Syriens zusammen gegen al-Kaida und IS; eine doch erstaunliche Inszenierung, wenn man weiss, dass der Süden für die Basis der FSA gehalten wird, sie nun aber im Norden des Landes kämpft.
Seit dem Fiasko der Konferenz in Genf vom Juni 2012 ist viel Wasser den Berg hinuntergeflossen. Gewisse Protagonisten sind ausgeschieden, und das Kräfteverhältnis hat sich umgekehrt.
  • Präsident Obama scheint wieder einen Teil seiner Macht zurückgewonnen und das Projekt des «arabischen Frühlings» beendet zu haben. So ist es ihm gelungen, nacheinander General David Petraeus (den er im November 2012 in Handschellen abführen liess), Hillary Clinton (im Januar 2013) und General John Allen (erst vor zwei Monaten im Oktober 2015 zum Rücktritt gezwungen) loszuwerden. Ebenso räumte er in seiner Verwaltung – einschliesslich dem Nationalen Sicherheitsrat – mit der Muslimbruderschaft auf. Allerdings bleibt Jeffrey Feltman Nummer zwei der Vereinten Nationen. Er verfasste einen Plan für die totale und bedingungslose Kapitulation Syriens und zögerte die Friedensverhandlungen sehr hinaus, weil er auf die Niederlage der Syrischen Arabischen Armee hoffte.8
  • Im Juni 2013 hat das Weisse Haus den Emir Hamad al Thani von Katar zum Rücktritt und seinen Premierminister Hamad bin Dschassem zum Rückzug aus dem politischen Leben gezwungen.9 Letzterer wurde allerdings Ko-Vorsitzender der Brookings Institution Doha, während der neue Emir Tamim die Finanzierung der Muslimbruderschaft und ihrer terroristischen Organisationen bis zur diplomatischen Krise mit seinem Nachbarn Saudi-Arabien im März 2014 weitergeführt hat.10
  • Trotz der Warnungen der Defense Intelligence Agency DIA [US-Militärgeheimdienst] hat die Gruppe von David Petraeus es Mitte 2014 geschafft, die Entwicklung einer Organisation zu steuern, die er im Jahr 2004 mit Oberst James Steele, Oberst James Coffman und Botschafter John Negroponte unter dem Namen «Islamisches Emirat Irak» geschaffen hatte. Sie haben sie für die ethnische Säuberung eines Teils dieses Landes benutzt, um es dann spalten zu können. Diese Operation wurde von Staaten (Saudi-Arabien, Zypern, Vereinigte Arabische Emirate, Frankreich, Italien, Israel, Katar, Türkei und Ukraine) und multinationalen Konzernen (Exxon-Mobil, KKR [Kohlberg Kravis Roberts & Co. L.P.] und Academi) unterstützt.
  • Dem Weissen Haus ist es auch gelungen, sowohl den Clan des ehemaligen Königs Abdullah als auch denjenigen des Prinzen Bandar bin Sultan aus der saudiarabischen Führung zu entfernen und sie nur den Prinzen Mohammed bin Najef und Mohammed bin Salman anzuvertrauen, unter der Leitung des neuen Königs Salman. Diese neue Verteilung schwächt die Macht, ermöglicht aber eine politische Änderung.
  • Das 5+1-Abkommen mit Iran markiert den Verzicht Teherans auf seine revolutionären Ambitionen,11 so dass ein Modus vivendi mit den Saudis vorstellbar wird,12 auch wenn die jemenitische Episode die Aufgabe erschwert hat.
  • Sowohl Washington als auch Moskau können den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan auf einmal nicht mehr ausstehen.13 Die Zugehörigkeit der Türkei zur Nato zwingt das Weisse Haus jedoch zur Vorsicht, dies um so mehr, als Ankara sich mit Kiew verbündet hat,14 ein weiterer wichtiger Kriegsschauplatz für die Gesamtstrategie der Vereinigten Staaten.15
  • Das Kräfteverhältnis zwischen Washington und Moskau hat sich seit Juni 2012 bis September 2015 allmählich umgekehrt. Die Nato hat sowohl in Sachen Interkontinental-Raketen16 als auch in der konventionellen Kriegsführung ihre Überlegenheit verloren,17 so dass Russland jetzt die erste Militärmacht der Welt ist. (? bloggerin)
Infolgedessen sind die Rollen heute getauscht. Im Jahr 2012 beabsichtigte der Kreml, sich auf das gleiche Niveau mit dem Weissen Haus zu hieven. Heute muss letzteres den Verlust seiner militärischen Dominanz durch Verhandlungen auf politischer Ebene wettmachen.
Als Zeichen der Zeit hat die Rand Corporation, ein symbolträchtiger Think tank des militärisch-industriellen Komplexes, soeben ihren Friedensplan für Syrien veröffentlicht. Diese mächtige Denkfabrik hatte schon im Oktober 2014 das US-amerikanische Establishment schockiert, als sie beteuerte, dass der Sieg von Präsident al-Assad das beste Ergebnis für Washington wäre.18Sie schlägt jetzt einen Waffenstillstand vor, der die Beteiligung von Vertretern der Opposition und der Kurden in der künftigen Regierung der nationalen Einheit rechtfertigen würde.19

Widerstand gegen die neue Weltordnung

Der Widerstand gegen die Politik von Barack Obama ist dennoch nicht zu Ende. So wirft ihm die «Washington Post» vor, in der Frage des Regime change in Syrien gegenüber Russ­land kapituliert zu haben.20
Im Jahr 2012 konnte man den Widerstand des Petraeus-Clinton-Clans gegen den Frieden noch als Wunsch interpretieren, das Maximum aus der militärischen Überlegenheit der USA herauszuholen. Aber mit der Entwicklung der neuen russischen Waffen ergibt dies keinen Sinn mehr. Daher ist die einzig mögliche Interpretation das Wagnis, unverzüglich eine globale Konfrontation zu provozieren, in der Hoffnung, dass der Westen sie vielleicht noch gewinnen könnte. Darauf könnten sie keineswegs mehr setzen, wenn auch China fähig wird, seine Armee antreten zu lassen.
Wie während der Genfer Konferenz intervenierte Frankreich, sobald die Resolution 2254 verabschiedet war. Sein Aussenminister, Laurent Fabius, erklärte wieder einmal, wenn alle Oppositionsgruppen in Syrien an der Übergangsregierung teilnehmen könnten, müsste allein Präsident al-Assad ausgeschlossen werden; eine Idee, die gegen die Prinzipien des Genfer Kommuniqués und der Resolution 2254 verstösst.
Wenn man im Jahr 2012 die französische Position als den Willen, die Regierung der Baath-Partei durch die Muslimbrüder zu ersetzen, interpretieren konnte, als kontinuierlichen Weg des Sturzes der weltlichen arabischen Regimes («arabischer Frühling»); oder als Versuch, «die syrische Armee auszubluten», um die regionale Dominanz Israels zu erleichtern; oder ganz einfach als Absicht zur Rekolonialisierung; heute ist dies nicht mehr möglich, weil jedes dieser drei Ziele Krieg gegen Russland bedeuten würde.
Frankreich instrumentalisiert die syrische Frage im Auftrag der US-amerikanischen liberalen Falken und der Neokonservativen. Dabei wird es durch messianische Zionisten unterstützt, die es für ihre religiöse Pflicht halten, die Ankunft des Messias zu beschleunigen, indem sie die eschatologische Konfrontation provozieren.

Frieden in Syrien oder Atomkrieg?

Es wäre schon sehr erstaunlich, wenn es diesen Gruppierungen gelingen würde, ihre ­Politik den beiden Grossmächten aufzudrängen. Allerdings wird es schwierig sein, vor Januar 2017 und dem Eintreffen eines neuen Präsidenten im Weissen Haus ein definitives Resultat zu erreichen. Deshalb versteht man besser, dass Wladimir Putin seine Unterstützung für Donald Trump bekanntgegeben hat, weil er der Beste zu sein scheint, um seiner Freundin Hillary Clinton den Weg zur Spitze zu versperren.21
In Wirklichkeit ist alles bereit, um einen Frieden zu schliessen, der den Verlierern erlaubt, das Gesicht zu wahren.

Merkpunkte: 

  • Die Resolution 2253 verbietet den Sponsoren von Daesh und al-Kaida, ihre Aktion weiterzuführen. Die Resolution 2254 bestätigt das Genfer Kommuniqué vom Juni 2012. Die zwei Grossmächte haben sich geeinigt, um die Arabische Republik Syrien zu erhalten und eine Regierung der nationalen Einheit zu unterstützen. 
  • Die bewaffnete, von Saudi-Arabien unterstützte Opposition hat, wie im Genfer Kommuniqué vorgesehen, den ehemaligen Baath-Premierminister Riad Hidschab zum Leiter ihrer Delegation gewählt. Gleichzeitig hat Russland eine Vereinbarung mit der freien syrischen Armee und deren Sponsor Frankreich geschlossen. 
  • Alles ist bereit, um einen Frieden zu schliessen, der den Verlierern erlaubt, das Gesicht zu wahren. Aber wie 2012 hat Frankreich sofort nach der Annahme der Resolution 2254 wieder seine Forderungen kundgegeben.    •
1    «Communiqué final du Groupe d’action pour la Syrie», Réseau Voltaire, 30. Juni 2012
2    «Werden sich Obama und Putin den Nahen Osten teilen?», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Odnako (Russland), Réseau Voltaire, 22. Februar 2013
3    «Discours de François Hollande à la 3ème réunion du Groupe des amis du peuple syrien», von François Hollande, Réseau Voltaire, 6. Juli 2012
4    «Der Westen und die Verherrlichung des Terrorismus», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Neue Rheinische Zeitung (Deutschland), Réseau Voltaire, 5. August 2012
5    «Press meeting by Sergey Lavrov and John Kerry», von John F. Kerry, Sergey Lavrov, Réseau Voltaire, 15. Dezember 2015
6    «Resolution 2253 (Finanzierung von Terrorgruppen)», Réseau Voltaire, 17. Dezember 2015
7    «Resolution 2254 (Friedensplan für Syrien)», Réseau Voltaire, 18. Dezember 2015
8    «Zwei Stachel in Obamas Fuss», von Thierry Meyssan, Übersetzung Sabine, Réseau Voltaire,
31. August 2015
9    «L’émir de Qatar contraint par Washington de céder son trône», «L’ex-Premier ministre du Qatar écarté du Fonds souverain», Réseau Voltaire, 13. Juni und 3. Juli 2013
10    «Emir von Katar durch Washington gezwungen, seinen Thron abzutreten», Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 13. Juni 2013; «Geheimer Krieg zwischen Katar und Saudi-Arabien», Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 18. März 2014
11    «Was Sie nicht von den US-Iranischen Abkommen wissen», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 6. April 2015
12    «Was wird aus dem Nahen Osten nach dem Abkommen zwischen Washington und Teheran?», von Thierry Meyssan, Übersetzung Sabine, Réseau Voltaire, 18. Mai 2015
13    «Syrien: Obama missbilligt General Allen und Präsident Erdogan», Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 29. Juli 2015; «Washington verbietet Ankara, die Kurden in Syrien anzugreifen», Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 15. August 2015; «Reibung zwischen dem Pentagon und seinem türkischen Verbündeten», Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 16. August 2015; «Die Nato weigert sich, in den geheimen Russisch-Türkischen Krieg einzugreifen», Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 13. Oktober 2015
14    «Ukraine und Türkei schaffen eine islamische internationale Brigade gegen Russland», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 5. Oktober 2015
15    «The Geopolitics of American Global Decline», von Alfred McCoy, Tom Dispatch (USA), Réseau Voltaire, 22. Juni 2015
16    «Juni 2012: Russland manifestiert seine interkontinentale nukleare ballistische Überlegenheit», Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 14. Juni 2012; «Russische Warnschüsse», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 20. Juni 2012
17    «Die russische Armee zeigt ihre Überlegenheit in konventioneller Kriegsführung», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Réseau Voltaire, 19. Oktober 2015
18    «Umwälzung der US-Interessen in der Levante», von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 9. Februar 2015
19    «A Peace Plan for Syria», James Dobbins, Philip Gordon & Jeffrey Martini, Rand Corporation, 17. Dezember 2015
20    «On regime change in Syria, the White House capitulates to Russia», Editorial board, The Washington Post, 17. Dezember 2015
21    «Wladimir Putin’s annual news conference» von Wladimir Putin, Réseau Voltaire, 17. Dezember 2015
(Übersetzung Horst Frohlich/Zeit-Fragen) http://www.zeit-fragen.ch

RUSSLAND: globale ai-Vorweihnachts-Medienkampagne wegen Syrien


hörstelRUSSLAND: globale ai-Vorweihnachts-Medienkampagne wegen Syrien
http://tinyurl.com/gtjpjcd ai ist CIA-unterwandert und vom US-Außenministerium gelenkt: http://tinyurl.com/ot7jg7v & http://tinyurl.com/nf63o7b, offizieller Bestandteil der aktuellen US-Militärdoktrin „Joint Vision 2020“. Mit Journalismus hat die ganze Kampagne schon deshalb nichts zu tun, weil die meisten Medien es nicht für nötig hielten, russische Stellen zu den Vorwürfen zu befragen. Die Informationsquellen sind dubios, es dreht sich um das übliche Hinterhof-Büro in London, das ein Zwischenhändler für Geheimdienst-Infos ist. Warum Monate alte Informationen ausgerechnet am Tag vor Weihnachten über den Globus verteilt werden müssen, bleibt unklar.
Petition für Abzug aller US-/UK-Truppen aus Deutschland:
BITTE UNTERSCHREIBEN – TEILEN – POSTEN: http://tinyurl.com/oe875qd

«Im Jemen findet ein ganz schmutziger Krieg statt – aber die Welt nimmt das hin»


Interview mit Fritz Edlinger*, Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen
Der Jemen kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Scheitern der ersten Runde der Friedensgespräche in der Schweiz am 20. Dezember und vor deren Fortsetzung Mitte Januar hat die von Saudi-Arabien angeführte Kriegskoalition Anfang Januar den Waffenstillstand aufgekündigt. Zu den Hintergründen dieses blutigen Konfliktes und der Rolle der beteiligten Staaten äussert sich im folgenden Interview der Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen GÖAB, Fritz Edlinger.
Zeit-Fragen: Herr Edlinger, im Jemen tobt seit langem ein verheerender Krieg, bei dem das Völkerrecht nicht mehr geachtet wird. Humanitäre Hilfe ist kaum noch möglich, und die Genfer Konventionen werden mit Füssen getreten. Wie sehen Sie die heutige Situation im Jemen vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung des Landes? 
Fritz Edlinger: Der Jemen ist kein unkultiviertes geschichtsloses Dritte-Welt-Land, sondern eine der Wiegen der Menschheit und eine der Wiegen der arabischen Nation, zumindest der Vorläufer der arabischen Nation. Im Jemen gab es einige Jahrtausende vor Christus eine Hochkultur, und diese Hochkultur hat sich in den verschiedenen Formen tradiert und ist unmittelbar die Grundlage, auch im Bewusstsein der Menschen im Jemen, für die heutige Situation.
Die Saiditen zum Beispiel, die religiöse Strömung, die die Huthis hervorgebracht hat, sind im wesentlichen Herrscher, staatlich religiöse Imame, staatlich religiöse Herrscher im Nordjemen, die dort kontinuierlich etwa 1000 Jahre lang geherrscht haben. Das Saiditen-Imamat etwa ist im 10. Jahrhundert entstanden und ist 1962 zu Ende gegangen. Insofern stehen die Saiditen und die Huthis – als ihre quasi jetzige Kampforganisation – in einer Tradition von einem Jahrtausend Kontinuität einer bestimmten Art von staatlicher Ordnung und sind nicht irgendeine islamistische Terrorgruppe, die sich gerade irgendwo zusammengefunden hat.
Hat Saudi-Arabien, der derzeitige Aggressor im Jemen, auch eine solche Geschichte? 
Saudi-Arabien ist als Staat gerade mal 100 Jahre alt und ist als solcher ein geschichtsloses, weitgehend auch identitätsloses Wesen. Ohne den Ölreichtum unter der saudischen Wüste wäre Saudi-Arabien, in der Weise, wie es jetzt ist, nie entstanden. Ich bin Historiker, und ich glaube, dass solche Dinge auch bei handelnden Menschen und bei ihren wirklichen Gedanken eine Rolle spielen, dass man sich schon überlegt, wer bin ich, woher komme ich und wer ist mein Feind und woher kommt er.
Das ist im Jemen eine ganz unglaubliche Geschichte. Hier wird in Wirklichkeit von einem neureichen Emporkömmling in der Region der Machtanspruch laut, dass sie die Herren über alle anderen in der Gegend sein wollen, völlig ignorierend, dass sie im historischen Sinn totale Newcomer sind.
Das war auch im Irak so. Der Irak war ebenfalls eine alte Kultur-Nation und ist heute ein «failed state», nicht zuletzt auf Grund einer Mitwirkung der Saudis. Seit es das moderne Saudi-Arabien gibt, folgte die Jemen-Politik Saudi-Arabiens immer dem Prinzip «Teile und herrsche!». Ich bin kein Psychologe und schon gar nicht ein Psychologe der Denkweise von saudischen Prinzen und Königen, ich kann mir aber vorstellen, dass diese Potentaten gegenüber Ländern wie dem Jemen intuitiv einen absoluten Minderwertigkeits-Komplex haben.
Der Jemen ist das weitaus geschichtsträchtigere Land, auch das grössere Land, das jemenitische Volk ist auch grösser von der Einwohnerzahl her. Wenn man in den Jemen fährt, merkt man sofort, dass man sich in einem alten Kulturland aufhält, und wenn man nach Saudi-Arabien fährt, merkt man, dass man in ein künstliches Gebilde kommt, das von irgendwoher kopiert ist.
Wie würden Sie das bisherige Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen charakterisieren? 
Von Haus aus ist die Politik Saudi-Arabiens gegenüber dem Jemen destruktiv. So hat Saudi-Arabien zum Beispiel in den 1930er Jahren die Grenzprovinz Asir, die zuvor Teil des Osmanischen Reiches und danach unabhängig war, mit militärischer Gewalt erobert. Dieser Grenzkonflikt wurde letztendlich dann erst in den 1990er Jahren beigelegt, die Spannungen hielten aber schon alleine der Bevölkerungsstruktur wegen weiter an. Dies spielt auch beim momentanen militärischen Konflikt eine gewisse Rolle. Saudi-Arabien hat den Jemen aber nie als Ganzes unterstützt, sondern in den verschiedenen historischen Epochen haben die Saudis auch ihre Koalierten im Jemen gewechselt.
Jetzt zum Beispiel bekämpfen sie die Huthis als die Hauptfeinde. In den Bürgerkriegen in den 1960er Jahren haben die Saudis im wesentlichen die konservativen Royalisten unterstützt, im Gegensatz zu den sozialistischen Südjemeniten, die damals von Ägypten unterstützt wurden. Heute ist es genau umgekehrt. Über Jahre hinweg war der abgesetzte Präsident Ali Abdullah Saleh ihr Mann im Jemen, der von ihnen gehätschelt, getätschelt und bestochen worden ist. Saleh hat im Interesse Saudi-Arabiens einen jahrelangen Vernichtungskrieg gegen die Huthis im Jemen geführt. Saudi-Arabien hatte immer irgendeinen Feind im Jemen. 
Wie wird Ihrer Meinung nach das Ergebnis der jetzigen saudischen Aggression aussehen? 
Eines der Ergebnisse wird sicher sein, dass sich der Südjemen wieder abspalten wird – und da sind die Saudis durchaus daran interessiert, dass der Südjemen seinen eigenen Weg geht, weil damit der Jemen als Ganzes geschwächt wird. Was auch immer bei diesem Krieg herauskommt, es ist zu befürchten, dass am Ende wieder ein zerschlagener Staat stehen wird. Es ist nicht anzunehmen, dass die Huthis so siegen werden, dass sie den ganzen Jemen regieren können, es ist nicht anzunehmen, dass der von den Huthis abgesetzte Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi, der sich jetzt im Exil befindet und von Saudi-Arabien ausgehalten wird, zurückkommt und wieder die Macht an sich reisst. Es ist als realistische Variante anzunehmen, dass wir einen mehr oder weniger unabhängigen Südjemen haben werden, dass die Huthis im Norden ein eigenes Territorium beherrschen werden – und in der Mitte wird ein dauerhaftes Kriegsgebiet verbleiben, wo auch Terroristen à la al-Kaida und zuletzt auch IS/Daesh mit lokalen Milizen um die Vorherrschaft kämpfen. Es ist also leider zu erwarten, dass sich der Jemen der wachsenden Liste der «failed states» im Orient anschliessen wird. 
Gibt es denn derzeit keine Ansätze für eine Lösung in Richtung Frieden im Jemen? 
Wenn es Ruhe gibt, dann ist es in Wirklichkeit nur eine oberflächliche Ruhe, weil die Kriegsparteien müde, ausgeblutet und erschöpft sind. Es ist meines Erachtens kurzfristig kaum anzunehmen, dass die wirklich zugrundeliegenden Probleme so gelöst werden können, dass das von den wesentlichen Stakeholders und Machtzentren im Jemen akzeptiert wird. Es sind nach wie vor die gleichen Machtblöcke im Jemen, die auch noch intakt sind und die es seit Jahrzehnten gegeben hat. 
Ist das der Grund dafür, warum es von westlichen Ländern in diesem Konflikt eine ziemliche Zurückhaltung gibt? Auch von seiten der Uno? Man schleppt sich mit Resolutionen, Waffenstillstand wird nur für eine Seite ausgesprochen, man schiebt so hin und her, obwohl der Generalsekretär der Vereinten Nationen vom humanitären Notstand spricht. Auch wenn jetzt Friedensgespräche stattfinden, hat man den Eindruck, dass sich die westlichen Länder und auch die internationale Gemeinschaft insgesamt ziemlich schleppen.
Es gibt schon genug Konflikte in der Welt. Die Welt hat nicht darauf gewartet, dort im tiefsten Vorderasien einen neuen Konflikt zu haben, zumal es ein Konflikt ist, der niemand ausser die unmittelbar Betroffenen wirklich tangiert, wie auch immer sie sich im Jemen bekriegen und wie unmenschlich der Krieg dort geführt wird. Das ist so ähnlich wie beim Faust: Was kümmern mich die Kriege hinten in der Türkei.
Kein westlicher Staat hat bedeutende wirtschaftliche und inzwischen auch nicht mehr geostrategische Interessen. Die Situation mit der Meerenge und Aden als Stützpunkt, als Hafen, das ist heute nicht mehr ganz so bedeutend wie noch in der Zeit des Kolonialismus, wo die Briten Aden als wichtigen Flottenstützpunkt einfach genommen haben. Heute ist die Technologie anders, heute ist die Durchsetzung von Interessen anders.
Gilt das auch für die USA? 
Amerikaner engagieren sich im Jemen schon seit längerer Zeit. Der Jemen ist nämlich nicht nur das Land, aus dem die Führungsschicht der al-Kaida gekommen ist. Bin Laden war Jemenit aus dem Hadramaut, viele seiner Gefolgsleute in der ersten Generation kamen auch aus dem Jemen, und in den letzten Jahren waren Wüstengebiete im Jemen ein Rückzugsgebiet von al-Kaida. Es hat im Süden den Anschlag auf die USS Cole gegeben. Das hat schon eine Grössenordnung angenommen, die bedrohlich war. Daher haben die USA einen permanenten Anti-Terrorkampf gegen al-Kaida im Jemen geführt, und zwar in einer Weise, dass es jetzt ein Schuss ist, der nach hinten losgeht.
Die Amerikaner haben noch unter Saleh mit riesigem Finanzaufwand eine eigene Anti-Terrorgruppe aufgebaut. Tausende Soldaten wurden rekrutiert, ausgebildet und bewaffnet. Das Kommando lag in der Hand des Sohnes von Saleh. Aber jetzt sind Saleh und sein Sohn die Feinde der Saudis, die wiederum die amerikanischen Hauptalliierten in der Region sind. Das heisst, diese ganze Anti-Terrorpolitik der USA im Jemen war und ist, wie vieles, was sie in der Weltpolitik tun, auf jeden Fall im Nahen-Osten, absolut widersprüchlich und wurde regelmässig unterlaufen, teilweise von ihren eigenen lokalen Koalitionspartnern, indem es immer wieder Hinweise gegeben hat, dass die Anti-Terrorgruppe in Wirklichkeit teilweise gar nicht gegen al-Kaida kämpft, sondern sich mit ihr koordiniert und mit ihr kollaboriert. Das ist wieder ein Beispiel für die falsche US-Politik in der Region.
Aber die anderen westlichen Staaten haben keine starken Interessen im Jemen. Darum kann der Konflikt, so wie er jetzt ausgetragen wird, noch längere Zeit weitergehen, und auch in der Uno wird er keine Rolle spielen, denn wenn es in der Uno irgendwelche Beschlüsse gibt, dann sind die in der gegebenen Situation auf jeden Fall noch im Interesse der Saudis. Die Uno-Resolution vom Sommer des Jahres war 1:1 die Position der Saudis: absoluter Rückzug der Huthis, bedingungslose Anerkennung und Wiedereinsetzung Hadis mit seiner Regierung. Das sind in Wirklichkeit die Kriegsziele der Saudis und Hadis, und das kann nie die Position eines Vermittlers sein. Die UN-Vermittlung hat sich zunächst darauf konzentriert, die verschiedenen Kriegsparteien zu direkten Gesprächen zu bringen, wobei man die in den einschlägigen Uno-Resolutionen zwar unverändert bestehen liess, aber de facto davon ausging, dass diese dann ohnedies abgeändert werden würden. Sollten also diese Verhandlungen tatsächlich zustandekommen, wird man sehen, wohin diese führen. Einen Durchbruch halte ich persönlich aber für kaum möglich, da die Interessen der einzelnen Akteure kaum vereinbar sind. Hier sind nicht nur die nach wie vor bestehenden innerjementischen Differenzen zu beachten, sondern sehr wohl auch die regionalen und internationalen. Daher ist anzunehmen, dass der Konflikt im Jemen, auch auf Grund der als weitaus bedrohlicher eingestuften Situation in Syrien und in Libyen, der Welt nahezu gleichgültig ist, obwohl dort im Jemen Schreckliches geschieht.
Was zum Beispiel? 
Es ist schon genügend dokumentiert, welche schrecklichen Verbrechen passieren. Die saudische Luftwaffe führt sich auf wie frühere Kolonialarmeen, die einfach – damals noch mit Napalm und ähnlichem – ganze Dörfer ausradiert haben. Sa’da zum Beispiel, die Hauptstadt der Huthi-Provinz im Norden, ist dem Erdboden gleichgemacht worden, immerhin eine Stadt mit rund 150 000 Einwohnern. Dort gibt es kein Haus mehr, das noch steht. Das weiss man, man nimmt das zur Kenntnis, weil man kein Interesse daran hat, dort zu intervenieren. 
Auch, weil es sehr grosse Risiken gibt? 
Die Saudis versuchen seit Monaten Koalitionspartner zu finden, die ihnen mit Bodentruppen zur Verfügung stehen, weil die Saudis und die Planer ihres Krieges sehr wohl wissen, dass dieser Krieg nur mit der Luftwaffe nicht zu gewinnen ist. Jeder, der im Jemen war oder sich die Geologie des Jemen näher ansieht, weiss das – das ist ein riesiges Bergland mit Bergen und Schluchten, in dem man noch dazu gegen einen Gegner aus dem Land kämpft, der jeden Winkel kennt. Wenn ich dort mit einer Besatzungsarmee hineingehe, ist anzunehmen, dass dies das Vietnam der Angreifer wird. Daher hat Pakistan den Wunsch der Saudis, Truppen zu schicken, strikt abgelehnt, und auch Ägypten hat das abgelehnt, weil man weiss, was droht. Sollen nun die Briten oder die Amerikaner dort Truppen hinschicken? Niemand will das, und darum lässt man jetzt die Sache laufen. Die Saudis und die Emiratis setzen inzwischen daher zigtausend Söldner aus der ganzen Welt ein. Dass dort inzwischen schreckliche Kriegsverbrechen begangen worden sind, das ist überhaupt keine Frage. Das ist jetzt schon dokumentiert. Dort findet ein ganz, ganz schmutziger Krieg statt. Aber die Welt nimmt das hin. 
Es gab im Jemen eine kurze Phase der Hoffnung auf ein Mehr an Demokratie, man hatte begonnen mit einem nationalen Dialog … 
… das hat begonnen mit den Demonstrationen gegen Saleh. Das wurde abgefedert, indem Saleh abgesetzt wurde und sein bisheriger Stellvertreter Hadi sein Nachfolger wurde, was natürlich eine Pseudo-Lösung war, weil dieser formell weiterhin in der Partei von Saleh geblieben ist. Aber parallel dazu hat es wirklich auf der Strasse Demonstrationen gegeben, vor allem der Jugend. Das war vergleichbar mit dem Tahir-Platz. Da sind die Jungen, darunter auch viele Frauen, gegen den Wunsch ihrer Väter, ihrer Familien, auf die Strasse gegangen und haben gesagt: Wir wollen, dass sich in diesem Land endlich was ändert, weil das unsere Zukunft ist.
Für demokratischere Verhältnisse? 
Für mehr Demokratie, auch für mehr wirtschaftliche Entwicklung, auch für eine weniger rückwärts gewandte Interpretation der Religion. Das Land war ja in seinen grossen Bergen teilweise sehr abgeschlossen. Bis 1962, dem Ende des Imamats [das Königreich (Imamat) Jemen bestand bis 1962; ab da nannte es sich Jemenitisch-Arabische Republik], war das vergleichbar mit der Situation im Nachbarland Oman, wo die Herrschenden ihr Ziel darin gesehen haben, keine westlichen Kontakte zuzulassen. Denn das würde Modernisierung bedeuten, und Modernisierung würde die Leute vom richtigen Weg als brave Untertanen abbringen. Es gibt im Jemen erst wenige Jahrzehnte so etwas wie eine pseudodemokratische Möglichkeit, aber die wurde von bestimmten Machtzentren sofort unterlaufen, von mächtigen und reichen Familien und von Saleh. Es gab drei bis vier Machtzentren, die sich die Macht untereinander aufgeteilt haben. In den Jahren 2011 und 2012 hat es hier sehr wohl einen Moment gegeben, aber dieser Moment wurde zuerst durch die innerjemenitischen Konflikte, dann durch die Intervention der Saudis völlig zerstört, und das Land ist jetzt möglicherweise noch weiter zurückgeworfen, als es schon vorher war.
Vielen Dank für das Gespräch.    •
(Interview Eva-Maria Föllmer-Müller) Das Interview wurde im Juli 2015 geführt und Anfang Dezember 2015 ergänzt.

Vineyard Saker russischer Dokufilm über Welt-Perspektiven (OMU