Monday, August 20, 2012

Vom See Genezareth zu den Golanhöhen


allgegenwart christlicher symbolik in israel/palästina, foto: unbekannt


"Der Abgrund  meiner Väter schreit in mir.
Man ist geschaffen, um etwas zu verrichten das recht ist.
Man ist geschaffen, um zu vernichten, was unrecht ist."

Diese 'Worte Jesu' aus dem gleichnamigen Poem von Henri Barbusse, dem  französischen Schriftsteller, der aus dem Ersten Großen Völkermorden als Pazifist heimkehrte, Worte eines großen  Dichters,  gehen mir durch Kopf, während wir uns der Brotvermehrungskirche in Tabgha in der Provinz Kapernaum nähern.
Zur Zeit Jesu war dies ein Quellgebiet und Tabgha ein einsamer Ort am See. Vom Berg der Seligpreisung, dem Ort der  biblischen Bergpredigt also, soll man  einen sehr  schönen Blick auf das Gewässer haben,  wo der Legende nach 'die Speisung der Fünftausend' vonstatten ging. Die  Basilika  liegt direkt am See, aber ein  Blick auf das Wasser ist  von hier aus leider nicht  möglich. Mit der Stille ist es natürlich auch  nicht mehr weit her, wenn  Busladungen von Touristen herbei strömen, die  das Kirchenheiligtum und das Gelände ringsum heimsuchen. Der ganze Komplex befindet sich übrigens  im Besitz des Deutschen Vereins vom Heiligen Land. Eine vor Ort vertriebene Flugschrift belehrt uns auch  in deutscher Sprache darüber, dass Mönche  der Benediktiner Abtei Dormitio in Jerusalem die Kirche, das Pilgerlager und ein zum Komplex gehörendes  Ferienheim für Behinderte  betreuen.  Das Sanktuarium wurde  1982  von Kardinal Höffner persönlich eröffnet  und war über den  byzantinischen Fundamenten  neu erbaut worden. Schon 1932 hatten deutsche Archäologen das  Fußbodenmosaik freigelegt, das während der 1300 Jahre langen islamisch geprägten Epoche im Verborgenen geruht hatte.
Ich flüchte für einen Moment lang an einen stilleren, kühlen Ort im Grünen, der wohl Teil des zur Zeit verwaisten Ferien-Ensembles bildet. Die Brotvermehrungslegende als Sinnbild einer gerechten Ordnung der Dinge beschäftigt meinen Sinn. Gandhis berühmter Gedanke geht mir durch den Kopf:
"Die Erde hat genug für alle, aber nicht genug für die Gier einiger weniger".  Henri Barbusse legt seinem Jesu diesen Satz in den Mund: "Man suche zuerst Gerechtigkeit und alle Dinge werden in ihr gegeben  sein." Eines erscheint hierzulande noch offenkundiger: Ohne ein Minimum an Gerechtigkeit wird es keinen Frieden geben, nicht im Nahen Osten  und auch nicht anderswo.
Diese meine Betrachtung bleibt den Tag über  höchst virulent.
Ich greife aber vor:
Am Abend werden wir "Petri-Fisch" essen in der "Perle des Sees Genezareth" im Kibbutz-Restaurant "Eijn Gev". Völlig erschöpft von den Anstrengungen des Tages  werden wir uns dem Sonnenuntergang hingeben und die gute Bewirtung genießen. Wir haben dann keine Kraft mehr für anspruchsvolle Betrachtungen über den Menschen, dem auch die Tourismusindustrie in Israel ihre Schekel verdankt.  In der morgendlichen Frühe aber, sozusagen auf deutschem Grund und Boden im Heiligen Land überlege ich doch, was Jesus Christus in seiner Ansprache am See thematisiert hätte, würde er heute zu uns sprechen. Würde er etwa die syrischen Ansprüche auf Teile des nordöstlichen Seeufers für "gerecht" gelten lassen oder würde der 'Rabbi' es mit der israelischen Diplomatie halten, die meint :

 "Sollte Israel der syrischen Forderung nach einem Rückzug zu der Linie vom 4. Juni 1967 zustimmen, würde es die syrische 'Aggression' der fünfziger Jahre belohnen."  und weiter heißt es dort: "Eine israelische Zustimmung zu einer Grenze auf Basis der Linie vom 4. Juni 1967 würde die Kontrolle von Israels größtem Süßwasser-Reservoir gefährden."


Auf dem Wege zum Drusendorf Majdal Shams würden wir  gleich 'Degania', das älteste Kibbuz  Israels besuchen. Dort  dürften wir aber keine Fragen stellen über Palästinenser  oder unser Interesse an deren Schicksal.  Vor kurzem stimmten die Kibbuzim für die Privatisierung der 1909 gegründet Kommune.  "Im Unabhängigkeitskrieg 1948" konnte die syrische Armee vor dem Ort gestoppt werden." weiß Wikipedia.

Was würde der Begründer des Christentums zu den Kibbuzim sagen, die zwar ursprünglich einen "kommunistischen Modellcharakter" anstrebten, aber zum  großen Teil  auf widerrechtlich enteignetem Territorium errichtet worden waren. Würde der HERR, zu dessen Ansprachen Tausende zusammenströmten, der zionistischen Argumentation folgen, nach der das ganze biblische Land einschließlich Syriens von Gott den Hebräern für immer übereignet wurde? Würde er es mit seinem Anliegen vereinbar finden, dass seine Gefolgsleute die Entrechtung und Demütigung des Brudervolkes schamvoll schweigend hinnehmen.  
Ich folge wieder dem Jesuspfad, den der Kenner Barbusse mir weist: "Der Geist wird euch  in die Wahrheit führen und nur durch die Wahrheit ist Erlösung".

Thursday, August 16, 2012

Nazareth und der See Genezareth

 Mittelalter trifft Postmoderne, Nonnen mit I-Pad, Foto A. Kunert, Juni 2012

Betrachtungen auf dem Wege nach Nazareth


Auf der Busfahrt nach Nazareth im biblischen Galiläa geht mir noch mancherlei Bedrückendes aus „Judäa und Samaria“ durch den Sinn. Ich denke an die Bild-Eindrücke, die ich beim Durchfahren palästinensischer Städte gesammelt habe. Den aufmerksamen Palästina- Reisenden begrüßen auf den Straßen Bethlehems etwa Poster mit der Aufschrift „Welcome in Bethlehem – Pray for the Freedom of Palestine“. Ich lese große Hoffnungslosigkeit aus den Zeilen heraus. Soll denn da nur Beten noch Abhilfe verschaffen können? Sollte ein Schöpfer, der die Menschen mit Vernunft und Mitgefühl ausgestattet hat, nicht mehr von uns erwarten, als dass wir beten angesichts der Überfülle an Leid, das Menschen anderen Menschen wieder einmal antun. Diesmal tun sie es hier im Lande, an einem Ort, der im Alten Testament als „ein heilig Land, ein gutes und weites Land, ein Land, darin Milch und Honig fließt“ (2. Moses, 3) bezeichnet wird. „There is nothing holy in an occupied city“ steht auf dem nächsten Plakat geschrieben. Wir nicken zustimmend und denken daran, wie wir am Vorabend hinter einem Leichentransporter herfahren mussten, der zum Teil schon seit Jahren tote Märtyrer aus israelischen Gefängnissen heim zur Bestattung führte.
Allerdings wissen die Menschen zu Hause in Deutschland recht wenig vom Zynismus solcher Gesten, mittels derer erreicht werden soll, dass die „Friedensgespräche“, die keine sind, weitergehen.
Wir Pilger versprechen uns daher gegenseitig für mehr Öffentlichkeit zu sorgen.
Dazu gehört auch ein Hinweis auf den jüngsten Bericht von Amnesty International, der Israel für seine Haftbedingungen stark kritisiert. Dort wird geschlussfolgert, Israel müsse entweder alle palästinensischen Gefangenen in Untersuchungshaft freilassen oder ihnen einen Prozess gewähren.
„Seit Jahrzehnten versucht Amnesty International Israel dazu zu bewegen, diese Haftstrafen aufzugeben und die Gefangenen entweder zu entlassen oder ihnen einen fairen Prozess nach internationalem Recht zu geben," sagt Ann Harrison, zuständig für Nordafrika und den Nahen Osten bei Amnesty International.
„Israel hat die Praxis der Untersuchungshaft – die ursprünglich für stark Terrorverdächtige vorgesehen war – benutzt um die Rechte der Gefangenen jahrelang mit Füssen zu treten," so Harrison, „das muss sofort aufhören."

Kein Wassermangel  im „Kernland Israel“

Während ich meinen Gedanken nachhänge, passieren wir die Grenzkontrolle und befinden uns im . Große Weite, fruchtbares Land dank reichlich verfügbarer Wasservorräte, die man dem Brudervolk vorenthält. Die Straße führt streckenweise in Sichtnähe der Mauer vorbei, die auf palästinensischem Westbank-Gebiet erbaut wurde. Wir passieren die landwirtschaftlich reichen, nördlich gelegenen Regionen der Westbank, Jenin, Tulkarem und Qalqilia. Traditionell waren dies die Kornkammern Palästinas.

Qalqilia kommt aus dem römischen „Qala alia“ und heißt „die hohe Festung“. Heute nennt man sie im Volksmund allerdings "Flaschenhals", weil sie inklusive eines rekonstruierten kanaanitischen Dorfes und seiner an sich sehenswerten Tiergärten vollkomen ummauert ist und nur an einer Stelle ein Durchgang möglich, so die israelischen Besatzer ihn denn gewähren wollen.
Auf den israelischen Straßen reist es sich rasch und problemlos. Nach einer kurzen Kaffeepause an einer sehr belebten Raststätte, erleben wir  israelische  Familien auf Sommerfrische, die sich mit Kind und Kegel hier   tummeln und  erreichen   bald  Nazareth .
Hier herrscht ausgelassenes, lärmiges Treiben, der Volksmund würde von "Remmidemmi" sprechen. Laute Musik dröhnt einem aus Lautsprechern auf den zentralen Straßen entgegen, so dass man auch in dieser mehrheitlich arabischen Stadt, kaum etwas von Heilsamkeit oder Heiligkeit zu spüren vermag. Die vielen Sakralbauten im christlichen Stil und der neue  Jesus Wander-Pfade, der hier seinen touristischen Ausgang nimmt,  erhöhen das Niveau an Umtriebigkeit.

Die Herberge "Fauzi Azar Inn"

Unsere Herberge liegt allerdings idyllisch mitten im Souk und unser Gepäck müssen wir  zu Fuß ein gutes Stück schleppen.  Der Weg zum  "Fauzi Azar Inn" ist schmal, aber sehr gut ausgeschildert von allen Seiten her. Laut Eigenwerbung der israelisch-amerikanischen Inhaber handelt es sich um ein 

"Sehr schönes altes Gemäuer mitten in der Innenstadt. Die Mitarbeiter sind sehr bemüht jede Frage bestmöglich zu beantworten!!” 

 Die Frage nach den  ehemaligen Besitzern des 200 Jahre alten, einstigen arabischen Herrenhauses und nach dem Hergang, der zum Besitzwechsel führte, stellen wir an dieser Stelle aber lieber nicht. Ich wende mich das  weltweite Netz.  In der New York Times war über   das Gasthaus  mit orientalischem Flair folgender  ausführliche Kommentar   zu finden:


„AROUND the corner from Nazareth’s Old City market, in the shadow of 200-year-old Ottoman mansions, there’s a cobblestone street so narrow you can almost touch the houses on either side. An arrow pointing up some stairs is painted on one rough wall, along with the words “Jesus Trail.” It’s the de facto trailhead for a 40-mile hike through the Galilee region of Israel in the footsteps, more or less, of the man who made Galilee famous.
The Jesus Trail is the brainchild of two hiking enthusiasts, Maoz Inon, a 37-year-old Israeli who owns the Fauzi Azar Inn in Nazareth, and David Landis, 30, a guidebook writer from Pennsylvania. 
Die bedeutendste US-amerikanische würdigt  in ungewohnter Offenheit die israelisch-us-amerikanische Zusammenarbeit. Unsere Naivität wurde demnach  lügen gestraft. Kein christlicher Araber betreibt das gastliche Haus.  Israelisch-US-amerikanisches  Kapital  lockt Gäste ins Wirtshaus und auf den  Jesus-Pfad.

Wir  verzichten auf den Weg des Herrn und genießen  die unschuldig-schönen Tage im Fauzi Azar Inn. Wir danken vor allem dem arabischen Bauherrn nachträglich für sein geschmackvolles Erbe. In seinem einstigen  Heim  genießen wir einen schönen Aufenthalt.

Unsere Erkundung der Nachbarschaft führt uns zunächst in die „Weiße Moschee. Die Führung bestellt für uns in makelosem Deutsch ein Türke aus Berlin. Nazareth sei die Stadt des Friedens und der geschwisterlichen Liebe.

Der Theologe Nur Masalha aus Surrey/England schreibt ausführlich und hintergründig über die Lage der arabisch-palästinensischen Menschen in Nazareth und darüber hinaus

Die infolge der 1948er Vertreibungen, der „Naqba“ (Katastrophe), verbliebenen internen Flüchtlinge, die 25% der insgesamt 1 Million palästinensischen Bürger Israels ausmachen, werden im israelischen Recht als „Anwesende Abwesende“ bezeichnet.

Vor der Nakba war die palästinensische Gesellschaft größtenteils eine ländliche Gesellschaft, Landwirtschaft war die wichtigste Quelle zur Sicherung des Lebensunterhalts und das Bebauen des Landes das Rückgrat der palästinensischen Ökonomie. 
 Landnahme für die zukünftigen jüdischen Einwanderer und Siedler, zerstörte den Lebensunterhalt vieler israelischer Araber, schränkte die Entwicklung arabischer Orte  ein und drohte, das Überleben einer territorial verankerten palästinensischen Bevölkerung zu unterminieren.

 Nakba, schwerwiegende Zerrüttung der einheimischen  Ökonomie

Die Geschichte der Enteignung begann unmittelbar nach 1948.  Einheimische durch Gesetzen enteignet, die das israelische Parlament verabschiedet hatte, das Land wurde in jüdische Kontrolle und Besitz übergeben.

Die palästinensischen Bürger innerhalb Israels unter Ausnahmrecht.

Der Ausnahmezustand nie wirklich aufgehoben worden. Die Vorschriften sind mit einigen Veränderungen bis zum heutigen Tag gültig. Darüber hinaus haben israelische Regierungen seit dem Ende der Militäradministration gesetzliche und administrative Maßnahmen ergriffen, die darauf abzielen, das Land der zerstörten Dörfer zu konfiszieren, um die Rückkehr der internen Flüchtlinge zu verhindern.
Die fortlaufende Landenteignung ist wahrscheinlich das explosivste Thema in der Beziehung zwischen der palästinensischen Bevölkerung in Israel und dem jüdischen Staat. 
Seit 1976 ist der 30. März ein „Nationaltag“ für Gedenken und Proteste der palästinensischen Bevölkerung – Proteste, die sich hauptsächlich direkt gegen die staatliche Politik der Landenteignung und Landnutzung richten. 

2% Landeigentum für 20% der Bevölkerung

Obwohl die palästinensischen Bürger Israels 20% der Gesamtbevölkerung ausmachen, kontrollieren sie nur 2% der kommunalen Gebiete des Landes.

Hochwürden Riah Abu al-ńAssal aus Nazareth (1998 als anglikanischer Bischof von Jerusalem eingesetzt) sagte folgendes: 

 Wir haben keinen Platz mehr, um unsere Toten zu begraben... Ich übertreibe nicht. Ich lebe in einer Stadt namens Nazareth, die zur überfülltesten Stadt des Landes geworden ist... Auf dem griechisch-orthodoxen Friedhof in Nazareth – und die griechisch-orthodoxe Gemeinde zählt über 11,000 Menschen – werden die Gräber derer ausgegraben, die vor zehn Jahren gestorben sind, um die neuen Toten zu begraben.‘

Quelle: www.frsh.de· Der Schlepper Nr. 45 · 10/2008 · 31


Global BDS Movement


NEWS

Largest Protestant church in Canada votes for Israeli settlements boycott


Original link: http://www.thestar.com/news/canada/politics/article/1242391–united-church-affirms-israeli-settlements-boycott



Monday, August 13, 2012

Von Jericho zum Toten Meer

Jericho: seilbahn zum berg der versuchung jesu durch den teufel, blick aufs tote meer,  foto:Sylvia S.T.

Station 7 Von Jericho übers  Tote Meer nach Nazareth 

In Jericho erliegen wir keiner der dort vom Teufel verführerisch feil gebotenen „Versuchungen“. Das Spielkasino liegt uns fern. Wir sehen darin eher eine obszöne Vergnügungsstätte für übersättigte israelische Bürger. Vielleicht sollen die dort einzunehmenden Schekel – mangels eigener Landes-Währung – der palästinensischen Scheinautonomie einige Gelder zu spülen. Sie sind vermutlich hoch willkommen und werden gerne genommen anstelle der den ortsansässigen Behörden rechtmäßig zustehenden, aber von der Besatzungsmacht immer mal wieder vorenthaltenen, Haushaltsmittel. Willfährigkeit will erpresst werden und die Aufgabe der längst nicht mehr legitimierten Abbas-Behörde ist es, wie man vor Ort flüstern hört, die Leute ruhig zu halten, sie zu befrieden also, anstatt für einen gerechten Frieden Sorge zu tragen.
Wir verlassen, einmal mehr ernüchtert, die trotz Tourismusrummel traurige Trostlosigkeit der vermutlich ältesten Stadt der Erde in Richtung Heilbäder des immer tiefer sinkenden Toten Meeres. Der dortige segensreiche, mineralhaltige Schlamm soll  für Haut und Knochen wahre Wunder bewirken können.


„Das Kurgebiet am Toten Meer in Israel liegt 400 Meter unter dem Meeresspiegel und ist damit der niedrigste und trockenste Punkt der Erde. Die Luft enthält zehn Prozent mehr Sauerstoff als auf der Höhe des Meeresspiegels. Das bedeutet, dass die kurzwelligen, schädlichen UVB-Strahlen diese zusätzlichen Luftschichten nicht oder nur zu einem geringen Prozentsatz durchdringen.
Am Toten Meer heilt die Natur.“

So wirbt das israelische Unternehmen 'Shalom Reisen Israel' seine Kunden. Gefragt sind als Klienten allerdings keine palästinensischen Menschen aus dem scheinautonomen Westjordanland. Autochthone Bürger dieses Landstreifens, das an die Nordwest-Seite des Salzsees grenzt, sind hier nicht nur unerwünscht, ihnen wird der Zutritt regelmäßig verweigert.
Da ich mich mit dieser Aussage vor Ort nicht begnügen wollte, zu unglaublich erschien sie mir, habe ich nach recherchiert und folgenden Hinweis gefunden:

Westbankbewohner vom Toten Meer abgeschnitten
DPG 16.06.2008
Palästinenser werden von der israelischen Armee regelmäßig und unrechtmäßig am Besuch des Erholungsgebiets am Toten Meer gehindert, so berichtet Donald Macintyre am 14. Juni in der britischen Zeitung Independent. Das nördliche Gebiet des Toten Meers ist für Palästinenser in der Westbank der einzige Ort, wo sie sich am Wasser erholen könnten, denn der See Genezareth und das Mittelmeer sind für sie nicht erreichbar.
Ein palästinensischer Busfahrer, Mohammed Ahmed Nuaga'a, beschreibt, wie er bei einem Schulausflug aus dem Bezirk Hebron mit Schülerinnen und Schülern zwischen sechs und zwölf Jahren vom Militär abgewiesen wurde. Die Reise war lange geplant und genehmigt, zehn Lehrer und fünfzehn Eltern waren auch dabei.

Quelle: The Independent, 14 June 2008: Palestinians barred from Dead Sea beaches to 'appease Israeli settlers', by Donald Macintyre in Jerusalem, www.independent.co.uk/news/world/middle-east/palestinians-barred-from-dead-sea-beaches-to-appease-israeli-settlers-846948.html

Immerhin wird bereits in der Werbung von 'Shalom Reisen' das völkerrechtswidrige Gebaren von einem israelischen Reiseunternehmers ganz schamlos und direkt vorgeführt. Für die Israelis ist das Westufer des Toten Meeres ganz offensichtlich ihr Exklusiv-Besitz, er wurde ihnen laut Eigendarstellung von Gott persönlich übereignet. Die Heilkraft der Natur ist selbstredend daher auch nicht frei zugänglich für die übrige Menschheit, sondern israelischen Bürgern zur Ausbeutung übertragen. Sehen wir einmal von den vielen Sicherheitskontrollen ab, die den Zugang behindern, so gibt es nur eine einzige, natürlich überlaufene Stelle, wo der Strand ohne Eintrittsgebühr zu betreten ist, nämlich 'Ein Gedi'. Aber auch hier ist für Duschen und Umkleidemöglichkeit ein Entgelt von vier Schekel zu entrichten. Wieder bewahrheitet sich, was wir bezüglich der willkürlichen Zerstörungen der arabischen Wasserzisternen oftmals als Begründung hörten: Nichts ist umsonst in Eretz Israel, alles hat seinen Preis ...
Uns schockiert die selbstgerechte Auslegung der biblischen Überlieferung durch die neuen Beherrscher des Heiligen Landes täglich aufs Neue. Schließlich war es der Mangel an Gerechtigkeit, der das biblische Israel ruiniert hat und die einstige Elite zum babylonischen Exil verurteilte. Vergessen scheint hierzulande aber auch, dass der Status des 'Auserwähltseins' einen Preis hat und dass er vor allem mit einem Auftrag verbunden war und wohl auch ist. Will man etwa der Tora- und Talmudlektüre des deutsch-jüdischen Psychoanalytikers Rolf Verleger folgen,  so ist dieser Auftrag im Streben nach globaler Gerechtigkeit begründet. Nicht von ungefähr heißt es im Evangelium, das vom Nazarener Jesu Kunde tut, dass „eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes gelange“. Aber Menschen, die nach Gerechtigkeit und nach Wahrhaftigkeit trachten, hatten es schon zu allen Zeiten und an allen Orten der Erde schwer. Andererseits haben diese auch ein Jahrtausende überdauerndes Zeugnis abgelegt und uns Nachgeborenen damit einen gangbaren Weg aus dem Jammertal gewiesen.

Wir christlichen, nicht arabischen,   Pilger dürfen natürlich den heilenden Strand des Salzsees problemlos betreten. Das Eintrittsgeld ist in der Pauschalreise inbegriffen. Unserer Einbalsamierung mit der schwefelhaltigen schwarzen Paste scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Allerdings müssen wir noch die Lärmbarriere überwinden. Ohrenbetäubende Technoklänge durchbrechen wieder einmal die ansonsten natürliche stille Schönheit des Ortes. Wir entfernen uns so schnell und so weit es irgend möglich ist von dem dröhnenden Lärm und begeben uns in die lauwarme, giftige Brühe des Salzsees. Das mineralhaltige Pech soll ja wahre Wunder bewirken. Wehe dem aber, der das 'Meerwasser' fahrlässig in die Augen bekommt , um dann anschließend auf den glitschig heißen Steinen auszurutschen.

Wir sind froh, dass uns der Bus über die unsichtbare 'Grüne Linie' schließlich hinaus aus dem Westjordanland ins eigentliche 'Kernland Israel' führt, wo wir im arabischen Nazareth bei  einem christlichen Araber Gastfreundschaft genießen werden.

Tuesday, August 7, 2012

Jadgdbomber durchbrechen das friedliche Grasen der Gazellen.

Am letzten Brunnen von Jericho, der einstmals wasserreichen,  vielleicht ältesten Stadt der Welt, Foto: A. Kunert

Von der Nabi Musa Moschee nach Jericho


Wir befinden uns auf der Straße, die uns  von Jerusalem nach Jericho führt, irgendwo  in der  herrlichen gebirgigen Weite des   judäischen Wüstenlandes. Es liegt dieses natürliche Paradies  auf dem Westufer des Jordans, mitten im palästinensischen "Autonomiegebiet". Diese Wüste  ist allerdings Teil des von den Israelis zu hundert Prozent  kontrollierten und beanspruchten  C - Gebietes. Die Israelis brauchen  schließlich den Raum  für die osteuropäischen und afrikanischen Einwanderer und selbstredend brauchen sie auch  die  vielen Wasserquellen für ihre Landwirtschaft und ihre Besiedlungsprojekte.  Vielleicht  mögen sie auch die  berühmten Datteln, die hier wachsen und  die Bananen und die Zitrusfrüchte.   Naturschutzgebiet soll die ganze Gegend einmal werden laut   staatlich- israelischer Pläne für ein Land, das ihnen nach internationalem Recht nicht gehört, besetztes Territorium, erobert 1967. Mit der  Begründung "Staatsland" und "Naturschutzgebiet" müssen die störenden  'ortsansässigen'  Beduinen weichen. Nicht einmal eine "Tyre School",  eine  aus alten Autoreifen gebaute Wüstenschule gönnt man ihnen. Sie war von  einer italienischen NGO gesponsert worden,  nachdem die israelischen Behörden durch ihre Sperrmauer den Schulzugang für die Beduinen-Kinder  nach  Jerusalem  verunmöglicht hatten.

"Der Schulbau war nicht unumstritten.  Die israelischen Behörden  haben eine Abrissorder für die Schule im C-Gebiet erteilt. In diesem Gebiet sind  Israels Sicherheitsinteressen tangiert. Sie unterstehen seiner behördlichen Kontrolle. Allerdings hat der Oberste Gerichtshof die Ausführung der Abrissanweisung vorerst aufgehoben. Eine Anhörung bezüglich des Verbotes, die Schule zu nutzen wird demnächst erwartet. " (Quelle UNWRA -Fact Sheet, Übersetzung  aus dem Englischen von der bloggerin)

Die UNO spielt  in diesem Konflikt, wie  überall in Palästina eine Schlüsselrolle. Ohne die Alimentierung  durch die  Vereinten Nationen wären die Menschen hier, wie auch in den diversen, übervölkerten  Flüchtlingslagern im eigenen Land kaum überlebensfähig.  Man hat  sie ja ihrer ursprünglichen Einkunftsquellen berauben lassen.

Dies alles erfahren wir in Gesprächen,  so nebenbei, während einer kurzen Pinkelpause. Währenddessen genießen wir den  herrlichen Blick in die Weite des von Beduinen besiedelten Landes. Wir gehen ein paar Schritte, um uns zu orientieren und schon tauchen sie auf, die letzten Wüstenbewohner, und bieten ihre bescheidenen Schätze feil. Die Datteln sind wirklich vorzüglich, die Schals hübsch und sie schützen gegen die sengende Sonne.

Wir gehen  nur noch ein wenig weiter und schon erheischen  wir einen wunderbaren  Blick auf das Wadi Qelt.  Diese Schlucht,  ein Mini-Great-Canon,  lässt sich recht bequem  durchwandern, bis hin nach Jericho, so lesen wir später  im Reiseführer. Auf der uns  gegenüberliegenden Seite liegt   in malerischer Lage   das Sankt-Georg-Kloster. Wie wir hören,   befinden sich  dort  auch die  Reste eines römischen Aquädukts, angeblich  aus den Zeiten des Herodes. 

Die Bibel scheint  wirklich allgegenwärtig in diesem Lande ebenso wie die von den Israelis  geltend gemachten biblischen Ansprüche darauf. Gott  habe es ihnen verbürgt und zwar  das ganze Palästina, das übrigens auch Syrien umfasste. Ein Blick ins Alte Testament lohnt oder doch wenigsten in die Broschüre von Pfarrer  Peter Bingel "Lesen Juden und Christen dieselbe Bibel? - Vom unterschiedlichen Gebrauch der Heiligen Schrift und seinen politischen Folgen im Nahostkonflikt".
Wir verstehen, dass unterschiedliche Generationen und Völker  auf dieses Land  und seine Schönheiten und Reichtümer sowie  auf seine geopolitisch interessante Lage immer wieder einen begehrlichen Blick geworfen haben. Und mehr noch.
 Wir verstehen, dass die Wüstenmenschen das  wenngleich mühselige Leben   in dieser großartigen Weite nicht freiwillig aufgeben wollen. 
Aber überall lauern schon die zu allem bereiten fremden  Siedler, die ihre Heimat wohl  auch nicht ganz freiwillig aufgegeben haben.  Kriege, wirtschaftliche Not  oder andere Bedrängnisse mögen  ihre Auswanderung erzwungen  haben. Wir verstehen auch ihre sorgenreiche Lage.
 Doch als ob mir der Gedanke   an das dennoch völkerrechtswidrige Vorgehen der israelischen Siedler verboten werden sollte, durchbrechen plötzlich zwei Jadgdbomber das friedliche Grasen der Gazellen.  Das Flugzeugmanöver ist wohl Teil der dem Staate Israel dienenden  'Schutzvorkehrungen'.
Um uns abzulenken, von der unerfreulichen Unterbrechung der hier sonst  waltenden wunderbaren Stille, kehren wir rasch  zu unseren  freundlichen Fremdenführern zurück, steigen in den Bus ein und fahren weiter...
Unsere  palästinensische  Reisebegleiterin, die es nach dem Willen der Israelis gar nicht geben dürfte*, bietet uns noch einen Schlenker zur ebenfalls herrlich gelegenen Nabi Musa Mosque an. Ein Kamel hat sich malerisch davor platziert, ein alter Jude bietet  Schalom und Blumen  feil. Wir befinden uns, wie gesagt, immer noch im C-Gebiet. 
Es findet sich vor Ort keinerlei  Hinweis darauf, dass es sich seit Saladins Zeiten um eine für heilig befundene Stätte handelt.  Die Mameluken errichteten eine Moschee an dem Ort, von dem zumindest die Muslime annehmen, dass der Prophet Moses dort beerdigt sei. Sie  begründeten  damit eine in Zukunft stark frequentierte  Wallfahrtstätte.  Die Osmanen haben den Schrein im 19. Jahrhundert restauriert und die einst üppige Pilger-Tradition wieder aufleben lassen, die an der Al Aqsa Moschee in Jerusalem ihren Ausgang nahm. Es liegt ja alles so nahe beieinander. Wir befinden uns  12 Kilometer südlich von Jericho und 20 Kilometer nur  entfernt von Jerusalem,  von Al Quds, der Heiligen, in arabischer Diktion. Wäre da nicht die Mauer, die sich wie ein Lindwurm durchs Land zieht  und wären da nicht  die vielen Grenzübergänge und  Kontrollen der Besatzungsmacht,  man könnte die Wege in der Tat zu Fuß zurücklegen, wie zu biblischen Zeiten.
Von hier aus soll man bei gutem Wetter übrigens sogar auf den Berg Nebo in Jordanien sehen können, der der Überlieferung nach das wirkliche  Moses-Grab birgt. Der Prophet, 'der aus dem Wasser kam', soll ja den Jordan nie überquert haben. Weite Ferne - ach so nah.



Umgebung von Musas Grab, Fotograf unbekannt


Wir setzen  nach eingehender Würdigung der schönen, außer uns  fast menschenleeren Grab-Anlage, unseren Weg, motorisiert, in Richtung Jericho fort und erreichen bald die Stelle, die uns unter Meerespiegeltiefe hinab führen wird, zum Toten Meer. 


Jericho am Toten Meer

Das "Tote Meer" stirbt übrigens wirklich und zwar einen leisen Tod. Es verlandet jährlich um bis zu einem Meter. Der wasserreiche Jordan wird von der israelischen Bevölkerung derart übernutzt, dass er dem  riesigen Salzsee  nicht mehr genug Wasser zuführen kann. Unter diesem Wassermangel leidet leider nicht nur  der  einst so  zuträgliche Meereszufluß,  unter ihm leidet vor allem die in jeglicher Weise benachteiligte palästinensische Bevölkerung. Ihre Wasserzuteilung wird von der israelischen Besatzungsmacht  stark reglementiert und auf ein Minimum reduziert.  Die Israelis graben den Ureinwohnern des Landes buchstäblich überall das Wasser ab. Besonders traurig zu beobachten ist dies in der  einstigen Oase und vor Wasserreichtum überquellenden Stadt Jericho. Die Stadt in der A-Zone, berühmt-berüchtigt heute nur noch für ihr Spielkasino, für  den allerletzten   Berg der Versuchung,  wurde gemäß dem "Osloer Friedensabkommen" als erste an Arafat übergeben", wie es heißt. Sie  hätte anstelle  des auserwählten Ramallah auch die Hauptstadt eines zukünftigen Palästinenser-Staates werden können. Dieser aber steht ohnehin in den Sternen, trotz UN-Mandat und d'accord der UN-Generalversammlung vom Herbst des Jahres 2011. Hörte man es hierzulande nicht allenthalben, so sähe man  die Aussichtslosigkeit dem verwaisten Tourismusministerium  in Jericho an.
 Man spürt  die Irrelevanz der hiesigen einheimisch-palästinensischen Behörden  auch an der freundlichen Machtlosigkeit  der jungen Polizisten, die vor der Touristen-Hochburg, dem Einkaufspalast gegenüber dem 'Berg der Versuchung Jesu durch den Teufel' , Wache schieben, mangels alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten. So schauen also die uniformierten, gesprächsbereiten Jungs den ganzen Tag über  auf das Werbeschild der israelischen Firma AVAHA, das am Eingang des doch palästinensischen Einkaufspalastes prangt.  Eine Versuchung ganz  anderer Art? Dort wird überdeutlich zum Erwerb von  Schönheitsprodukten vom Toten Meer aufgefordert:  " Buy Beauty from the  Dead See" - "Buy Israeli Quality!" ist damit gemeint , obwohl diese Produkte nach internationalem Recht gar nicht aus Israel stammen können. Im nach wie vor unter Besatzungsstatut stehenden Westjordanland werden sie dennoch  als "israelische Waren" produziert und auch so vertrieben und fallen damit unter die  "729 Chiffre" - kein Einkauf unter dieser Nmmer.  Andererseits erklären die Verkäufer auf Nachfrage auch schon mal, es handele sich um palästinensische Güter.  Einer der vielen Widersprüche im Lande Palästina. Schließlich sollte man als bewusster Zeitgenosse, dem BDS-Aufruf* der  palästinensischen Zivilgesellschaft folgend,  Siedlerprodukte unter obiger Nummer nicht kaufen, weil man damit die illegale Siedlungspolitik unterstützt und die Apartheidmauer, die diese geradezu zwingend  nach sich zieht. Der BDS- Aufruf will das Licht der  Öffentlichkeit auf die herrschenden Unrechtszustände lenken.  Vorbild ist die einst erfolgreiche Kampagne gegen das Apartheidregime in Südafrika, das durch den Boykottaufruf gegenüber den Produkten des damals rassistischen Landes  öffentlichkeitswirksam delegitimiert werden konnte.  Selbstverständlich unterstützen auch alle im Lande der Bibel vertretenen christlichen  Kirchen  diese Initiative, um auf das Schicksal ihrer "Kinder" aufmerksam zu machen. Selbstverständlich? Das "Kairos-Palästina-Papier" der palästinensischen  Christenheit legt  jedenfalls davon Kunde ab.
 Es ist allerdings nicht so leicht, im 'Lande der Bibel', unmittelbar  gegenüber dem Berg der Versuchung, einem Einkauf der überzeugend beworbenen Produkte  zu widerstehen. Eine ureigene palästinensische Produktion, außer der  handgemachten,  allerdings wertvollen Olivenseife, gibt es ja nicht und man möchte doch durch den Erwerb eines Mitbringsels die Menschen hier im Lande  unterstützen. Widersprüche über Widersprüche türmen sich auf.


 Gibt es Palästina überhaupt  noch oder ist es  bald nur noch  eine Schimäre?



Wahrscheinlich verschwindet eher das Apartheidsregime und Palästina wird eine ganz  neue,  moderne, demokratische Vielvölker-Gesellschaft der Zukunft werden, in der alle ihren Platz haben,  ob Jud , ob Christ, ob Muselmann.
Der große Weise Israels, Kritiker  der Regierungspolitik seines Landes, Uri Avnery   schrieb zu diesem Thema am 19. Mai 2012:

"Israel steuert auf einen Eisberg zu, auf einen größeren als einer von denen, die auf dem Wege der Titanic schwammen. Er ist nicht verborgen. Alle seine Teile sind von weitem sichtbar, und wir segeln geradewegs mit Volldampf auf ihn zu. Wenn wir den Kurs nicht ändern, wird sich der Staat Israel selbst zerstören - er wird sich erst in ein Apartheidstaats-Monster vom Mittelmeer bis zum Jordan verwandeln und später vielleicht in einen bi-nationalen Staat mit arabischer Mehrheit vom Jordan bis zum Mittelmeer"  (Friedensforum 4/12)
Siehe auch den Kurzfilm zweier junger Amerikaner auf dem Weg über Jordanien nach Jericho. http://www.youtube.com/watch?v=nTBivZi5b60